Jannes Lorenzen

veröffentlicht; 9. Mai 2021

5 Unternehmen werden immer wieder erwähnt, wenn es um die Dominanz der Tech-Aktien geht: Die FAANG-Aktien.

Facebook, , , Google – und . Dabei ist Netflix mit Abstand das Unternehmen, das in dieser Reihe den geringsten Börsenwert hat.

Zu Recht? Oder hat gerade deshalb Netflix das größte Potenzial?

In den letzten Monaten ist der Netflix-Aktienkurs eher seitwärts gelaufen. Zu Beginn der Corona-Pandemie gab es hohes Wachstum, nun hat es aber stark nachgelassen. Die Frage ist: Wie stark kann Netflix überhaupt noch wachsen?

Außerdem äußert sich Matthew Ball, der ehemalige Strategiechef des Netflix-Konkurrenten Amazon Prime Video, enorm optimistisch gegenüber Netflix. Woher kommt der Optimismus von so einem Branchenexperten? 

Diesen Fragen gehe ich in dieser Analyse auf den Grund. Unter anderem erfährst du:

  • Wie das Geschäftsmodell von Netflix wirklich funktioniert
  • Wie gut Netflix aktuell da steht (Nutzerzahlen, Umsätze, Gewinne und Cashflow nach dem letzten Quartalsbericht)
  • Was das größte Missverständnis gegenüber Netflix ist
  • In welche Richtung Netflix sich in Zukunft weiterentwickeln kann (und es auch wird)
  • Ob die Netflix-Aktie aktuell interessant für dich als Anleger ist

Was macht Netflix überhaupt?

Überblick

Verschaffen wir uns zuerst einen Überblick über das Unternehmen Netflix.

Hard Facts

Netflix wurde 1997 in den USA gegründet, u.a. von dem heute immer noch aktiven CEO Reed Hastings. 

Geschäftsmodell

Netflix wurde als Online-Videothek gegründet, die DVDs und Blu-rays versendet hat. 2007 hat Netflix das Modell eingeführt, für das es heute bekannt ist: Das Anbieten von Filmen und Serien per Online-Streaming in einem monatlichen Abo-Modell.

Größe & Kennzahlen

Heute ist Netflix ca. 200 Mrd. US-Dollar wert, erzielt einen Jahresumsatz von 22 Mrd. US-Dollar und ist profitabel (zuletzt ca. 2 Mrd. USD Gewinn). Global hat Netflix mittlerweile 183 Mio. bezahlende Abonnenten.

Fakten und Kennzahlen zur Aktie

Factsheet

Der Aktienkurs von Netflix hat sich über die letzten Jahre stark entwickelt, verläuft seit einem Jahr aber eher seitwärts:

Das Factsheet zur Netflix-Aktie.

Die Eckdaten

  • Marktkapitalisierung: 220 Mrd. USD
  • Umsatz: 26 Mrd. USD
  • Gewinn: 3,8 Mrd. USD
  • Zahlende Abonnenten: 208 Mio.
  • Land: USA

Bewertung

  • KUV: 8,6
  • KGV: 60
  • KGVe: 50
  • KCV: 77
  • PEG-Ratio: 1,5

Qualität & Wachstum

  • Verschuldungsgrad: 120 %
  • Bruttomarge: 41 %
  • Nettomarge: 14 %
  • Gewinnwachstum (letzte 3 Jahre): 70 % p.a.
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 29 % p.a.

Schauen wir uns nun an, was hinter diesen Zahlen steckt.

Business Breakdown: Geschäftsmodell von Netflix analysiert

Business Breakdown

Schauen wir uns einmal an, wie das Geschäftsmodell aussieht.

Vorab der Hinweis auf verwandte Beiträge: Netflix ist ein Aggregator und eines der Unternehmen in den „Streaming Wars“.

Monetarisierung & Revolution

Netflix bringt über den eigenen Service zwei Seiten zusammen: Filme, Serien und Dokus (Angebot) und Konsumenten (Nachfrage). Netflix monetarisiert den Zugang über eine monatliche Abo-Gebühr, die regional variiert. In Deutschland liegen die Abo-Preise je nach Paket etwa bei 10 – 15 Euro im Monat.

Es stellt also das bisherige Nutzungsverhalten, das aus dem TV und auch aus dem Kino gelernt ist, auf den Kopf: Der Konsument entscheidet selbst, wann, auf welchem Gerät und wie oft er einen Inhalt schaut.

Die Nutzerzahlen von Netflix befinden sich seit Jahren in einem starken Wachstum:

Quelle: statista

So haben sich die Abonnenten (jeweils im Quartalsvergleich) entwickelt:

  • Q1 2019: 149 Mio.
  • Q2 2019: 151,5 Mio. (+2%)
  • Q3 2019: 158,5 Mio. (+5%)
  • Q4 2019: 167 Mio. (+10%)
  • Q1 2020: 183 Mio. (+10%)
  • Q2 2020: 193 Mio. (+5%)
  • Q3 2020: 195 Mio. (+1%)
  • Q4 2020: 203,5 Mio. (+4%)
  • Q1 2021: 207,5 Mio. (+2%)

Im Jahresvergleich:

  • 2016: 89 Mio.
  • 2017: 110,5 Mio. (+24%)
  • 2018: 139 Mio. (+26%)
  • 2019:  167 Mio. (+20%)
  • 2020: 203,5 Mio. (+22%)
  • 2021 (bis April): 207,5 Mio. (+2% YTD)

Auffällig ist vor allem das starke Wachstum Ende 2019 und Anfang 2020, das dann aber abgenommen hat.

Mittlerweile ist Netflix auch nicht mehr allein im Streaming-Markt: Auch Amazon, Disney und Apple sind in die Streaming Wars eingestiegen. Noch ist Netflix allerdings der Marktführer, was einige Vorteile mit sich bringt.

Mechanismen des Geschäftsmodells

Netflix beherrscht mehrere Teile der Wertschöpfungskette: Es sorgt auf der einen Seite für Angebot, indem es Inhalte von Dritten einkauft, produziert mittlerweile aber auch selbst Inhalte („Netflix Originals“). Auf der anderen Seite bringt Netflix die Nutzer, also die Nachfrage, in Form von Konsumenten und Zuschauern auf die Plattform.

Vereinfacht grafisch dargestellt hat Netflix ein interessantes Modell, das Netflix zu einem Stufe 1 Aggregator gemäß der Aggregation Theory macht: Es investiert in Inhalte, kann diese aber zu Grenzkosten von quasi Null den Kunden zur Verfügung stellen.

Skalierung, also ein Wachstum in der Nutzerbasis, ist für Netflix essentiell. Dadurch warten hohe Gewinne und Gewinnmargen, die durch kostenintensive Investitionskosten in Inhalte initiiert werden müssen.

Geschäftsmodell-Bewertung

Wiederkehrende Umsätze mit Lock-In

Netflix erzielt wiederkehrende Umsätze par excellence. Der Lock-In Effekt ist wenig gegeben, da der Wechsel zu einem anderen Streaming-Anbieter kaum Hürden hat. Aber: Die Churn-Rate, also die Kündigungsrate, ist bei Netflix enorm niedrig.

Netzwerkeffekte

Die Netzwerkeffekte sind eher gering: Durch andere Nutzer verbessern sich die Empfehlungen. Außerdem kann man sich besser über Lieblingsfilme, Serien und Dokus unterhalten. Das Erlebnis selbst verändert es insgesamt aber nur wenig.

Skaleneffekte (Economies of Scale)

Sind stark vorhanden: Je mehr Nutzer, desto mehr Umsatz und desto größer können wiederum die Produktionen werden, die wieder mehr Nutzer anziehen.

Proprietäre Technologie

Die Technologie der Streaming-Plattform ist führend, aber kein Unterscheidungsmerkmal. Netflix hat darüber hinaus viele Daten zu Nutzerverhalten und Trends, die es nutzen kann. Dazu kommt Erfahrung bei der Produktion der Titel und bestehende Netflix Originals. Insgesamt sind das aber keine Vorteile, die unangreifbar sind.

Marke (Branding)

Netflix ist ein Synonym für Video-Streaming. Es ist der führende und größte Anbieter. All das macht Netflix zu DER Marke im Video-Streaming Bereich.

Geschäftsmodell: 19 / 25 Punkten

Umsatz- und Gewinnentwicklung von Netflix

Schauen wir auf die Geschäftsentwicklung von Netflix sehen wir ein kontinuierliches Wachstum im Umsatz, im Bruttogewinn und im Nettogewinn:

Die Umsätze im Detail:

  • 2018: 16 Mrd. USD
  • 2019: 20 Mrd. USD (+ 25%)
  • 2020: 25 Mrd. USD (+ 25%)
  • TTM: 26,4 Mrd. USD (+6% YTD)

Ein wichtiger Unterschied, der auch von Netflix selbst benannt wird: Die Investitionen in Content (Inhalte) werden in der Gewinnrechnung möglichst 1:1 den Erlösen gegenübergestellt, wenn diese anfallen. In der Cashflow-Rechnung schlägt eine Investition heute auch in diesem Jahr zu Buche, selbst wenn der Inhalt daraus erst Jahre später auf der Plattform landen. Da Kosten (Contentproduktion) und Erlöse zeitlich in der Regel mindestens ein Jahr auseinanderliegen, kommt es zu eben diesen Unterschieden zwischen Gewinn und Cashflow.

Und wir sehen: Der Gewinn ist positiv, der Free Cashflow aber negativ. Und er rutscht weiter ins Negative. Was steckt dahinter?

Verliert Netflix Geld? „Das größte Missverständnis“

Einen interessanten Kommentar gab es im vorletzten Earnings Call auf die Frage, was am Unternehmen am meisten missverständen werde. Spencer Wang, Vice President of Finance and Investor Relations von Netflix, nennt den Irrglauben, dass Netflix Geld verlieren würde (Hervorhebungen von mir):

I think what was most misunderstood is the business model and what you see in our cash flow generally, and folks thinking that we are losing money. What we’ve shown is that we are increasing our profitability both through growth and growing our profit margins. And what you’ve seen over the last few years is forward investment as we’ve been going through a really kind of pretty significant transition of our business model from licensed content, […] to original content, not just licensed originals, but self-produced originals where oftentimes we’re investing many years before that content is on the service.And we’ve moved, as they say, well, along the curve there were the bulk of our cash spend is now on original content. So as we’ve gotten bigger, as we’ve moved towards originals, it just fundamentally changes that cash flow profile over time. And we’re a very profitable business and one that will ultimately over the years become meaningfully self-funding.

Was steckt dahinter?

Netflix wird oft als Unternehmen bezeichnet, das Geld verliert, obwohl Netflix – so Wang – seine Profitabilität stetig steigert.

Schauen wir uns den ersten Punkt an: Ja, Netflix hat lange Geld „verloren“. So hat sich der Free Cashflow von Netflix in den letzten Jahren quartalsweise entwickelt:

Der zweite Punkt: Netflix steigert aber seine Profitabilität. Auch das stimmt, wenn wir uns die Entwicklung der Bruttomarge anschauen:

Seit etwa 2018 sind die Bruttomargen, also die Profitabilität, deutlich gestiegen, aber es ist deutlich mehr Geld aus dem Unternehmen abgeflossen als vorher.

Der Grund: Netflix produziert immer mehr Content selbst. Das erfordert höhere Investitionen, erhöht aber gleichzeitig die Profitabilität, da Netflix nun die gesamte Wertschöpfungskette beansprucht. Mehr dazu gleich.

Außerdem sind die Investitionen zeitverzögert: Eine hohe Investition in Inhalte, die heute getätigt wird, ist erst in 1 – 2 Jahren auf Netflix zu sehen. Anders formuliert: Die Umsätze und Abonnentenzahlen, die wir heute sehen, sind das Ergebnis der Investitionen von vor 2 Jahren.

Das ist der Grund, warum sich das Cashflow Profil von Netflix wandelt – und warum höhere Profitabilität trotz höherem negativen Cashflow hier kein Widerspruch, sondern eine Erklärung ist.

Zuletzt war der Free Cashflow von Netflix in Q1 2020 positiv. Netflix schreibt dazu im aktuellsten Brief an die Aktionäre:

As we stated last quarter, our FCF profile is beginning to improve due to growing operating margin and profits and as we digest our big move into the production of Netflix originals (which requires more cash upfront vs. later-window content) that started five years ago.

Dies bestätigt die oben gezeigte Erklärung und zeigt, dass erste positive Auswirkungen sich nun in den Zahlen zeigen. Da sich einige Produktionen durch die Corona-Krise verzögern, wird Netflix kurzfristig geplante Investitionen später nachholen. Für 2020 erwartet Netflix einen Free Cashflow von „- 1 Mrd. US-Dollar oder besser“, was deutlich positiver ist als die – 3,3 Mrd. US-Dollar in 2019.

Strategie: Das sind die Wachstumspläne von Netflix

Strategie

Bevor wir gleich in die SWOT-Analyse gehen, schauen wir, welche strategischen Pläne aktuell vom Management geschmiedet werden. Schließlich beteiligst du dich an dem Unternehmen der Zukunft, nicht der Vergangenheit.

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Tags: Netflix | Aktien: Netflix

Die Inhalte stellen keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden, derer du dir vorher bewusst sein musst.

Für deinen Wissensaufbau: Glossar (mit Begriffserklärungen) | Videokurs | How To: Aktien bewerten

Über den Autor

Ich bin Jannes, Gründer von StrategyInvest. Seit 2011 investiere ich an der Börse, seit 2013 teile ich Erfahrungen und Wissen mit Anlegern. Daneben habe ich mein VWL-Studium mit Finanzschwerpunkt erfolgreich absolviert und bin seit mehreren Jahren in der Digital- und Techbranche unterwegs, aktuell als Product & Strategy Lead. Ich kenne daher das Investieren, Unternehmen und Unternehmertum aus wissenschaftlicher Sicht und aus der Praxis. Hier teile ich Analysen, Wissen & Anlageentscheidungen mit dir.

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Auszug aus dem Manifest:

Regel #17: Wir sind nicht nur Aktionäre.

Die Geldanlage soll unser Leben bereichern, nicht einschränken. Wir müssen nicht täglich unser Depot checken oder darüber spekulieren, ob der Markt jetzt steigt, fällt oder stagniert. Die Geldanlage ist nicht unser Leben, sondern nur ein bereichernder Teil davon.

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