von Jannes Lorenzen

Gründer, Strategie-Lead & Investor

veröffentlicht: 22. September 2021

Nachhaltigkeit gewinnt bei Investoren an Bedeutung. Aber es gibt viele unterschiedliche Kriterien und Kennzahlen, nach denen Aktien als gut oder als schlecht eingestuft werden. Sie sind auch unterschiedlich streng.

Diese führen dazu, dass einige Aktien mal als gut, mal als schlecht gelten. Außerdem ist gut nicht gleich nachhaltig, sondern beinhaltet auch andere Kriterien, die bei gängigen Kennzahlen und Indizes eine Rolle spielen.

Tipp: Was allgemein von nachhaltigem Investieren zu erwarten ist, ob es mehr oder weniger Rendite bringt, warum gut gemeint nicht immer gut gemacht ist und welche Vor- und Nachteile es insgesamt bringt diskutiere ich u.a. im Deep Dive der Academy und auch schon im Podcast.

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Was macht ein gutes Unternehmen aus?

Oft wird von Nachhaltigkeit als zentralem Fakt gesprochen. Die meisten Anleger wollen aber eigentlich ein Unternehmen, das der Welt unterm Strich Gutes tut.

Dazu der Hinweis: Die meisten Unternehmen verkaufen Produkte, die andere freiwillig kaufen, weil diese Produkte sie selbst besser stellen. Das mag man nicht in jedem Fall nachvollziehen können, ist aber eine Eigenschaft die zeigt, dass auch Umsatz und verkaufte Produkte prinzipiell ein gutes Zeichen sind.

Aber was sind abseits davon entscheidende Kriterien?

  • Nachhaltigkeit: Wie geht das Unternehmen mit dem Klimawandel um? Bietet es Produkte und Lösungen, die zu mehr oder zu weniger Schadstoffausstoß beitragen? Werden eigene CO2-Emissionen kompensiert?
  • Unternehmensführung (Governance): Wird das Unternehmen verantwortungsbewusst geführt? Wie transparent agiert das Unternehmen? Wie ist der Umgang mit Konkurrenten?
  • Soziale Verantwortung: Werden Mitarbeiter und Zulieferer fair bezahlt? Wie werden die Mitarbeiter behandelt? Ist das Unternehmen nicht in Ländern aktiv, die gegen Menschenrechte verstoßen? Ist das Unternehmen nicht in kritischen Branchen wie der Rüstungsindustrie aktiv?

Darüber hinaus können viele dieser Kriterien auch auf Staaten angewandt werden, wenn es um Beurteilung von Staatsanleihen geht.

Die Kriterien können zudem in Aktienindizes und ETFs unterschiedlich umgesetzt werden:

  • Rating: Unternehmen werden anhand der Kriterien eingeschätzt und die besten landen in einem Index.
  • Gewichtung: Unternehmen können nach ihrem Rating gewichtet werden oder bei einer Gewichtung nach Marktkapitalisierung aufgenommen werden.
  • Best-in-class Ansatz: Die besten Unternehmen jeder Branche landen im Segment, sodass immer noch schlechte Branchen enthalten sein können (zugunsten besserer Diversifikation).
  • Ausschlusskriterien: Unternehmen werden anhand bestimmter Kriterien gänzlich ausgeschlossen.

Die wichtigsten Ratings im Überblick

Es gibt einige Begriffe, die du im Zuge nachhaltigen Investierens immer wieder sehen wirst. Was steckt dahinter und was unterscheidet diese?

ESG: Environmental, Social & Corporate Governance

ESG steht für Environmental, Social und Governance. Es basiert also auf den beschriebenen Kriterien.

Bei ESG-Kriterien gibt es folgende Ausschlusskriterien: Zivile Schusswaffen, kontroverse Waffen, Atomwaffen, Ölsand, thermische Kohle, Tabak, Verletzer der UN Global Compact-Prinzipien

Die ESG-Kriterien werden von unterschiedlichen Unternehmen eingeschätzt, die diese Ergebnisse wiederum Anlegern und Fonds zur Verfügung stellen. Dabei kommen die Ratingagenturen bei vielen Aktien zu unterschiedlichen, teilweise stark auseinandergehenden Bewertungen. Gleich dazu mehr.

Das größte Unternehmen in diesem Bereich ist MSCI, die ich selbst schon mal hier als Aktie analysiert habe.

Die ESG-Kriterien werden bspw. vom Marktführer iShares unterschiedlich umgesetzt.

  • ESG-screened: 90% der Aktien aus dem Mutterindex landen auch im ESG-Index. Kontroverse Branchen werden ausgeschlossen, der Markt aber weiter breit abgedeckt.
  • ESG-enhanced: Gleiche Ausschlussfilter, aber Ziel ist Unternehmen mit durchschnittlich 30% weniger CO2-Emissionen im Index zu haben. Auch hier bleiben in der Regel 90% der Aktien aus dem Basisindex enthalten.
  • ESG Leaders: Gezieltes Investieren in die Aktien mit den besten ESG-Ratings. Hier landen etwa 50% der Aktien aus dem Mutterindex auch im ESG-Index.

SRI: Socially Responsible Investing

SRI basiert ebenfalls auf den genannten Kriterien, möchte aber im Gegensatz zu ESG-Kriterien noch strenger vorgehen. Was sind also die Unterschiede?

Die Ausschlusskriterien bei SRI: Alkohol, Erwachsenenunterhaltung, zivile Schusswaffen, kontroverse Waffen, konventionelle Waffen, Glücksspiel, genetisch veränderte Organismen, Atomwaffen, Kernkraft, thermische Kohle, Tabak, (Verletzer der UN Global Compact-Prinzipien)

In der Praxis wendet iShares den SRI-Filter so an: Es werden alle Unternehmen nach den Ausschlusskriterien ausgeschlossen und ein Mindest-ESG-Score definiert, den diese Unternehmen erfüllen müssen.

Im Vergleich zum Mutterindex sind nur etwa 20 - 40% der Aktienunternehmen enthalten.

Weitere Ansätze

Prinzipiell kann jede Bank, jeder Fonds und jeder Anleger selbst definieren, ab wann ein Unternehmen gut ist oder nicht - und ob diese Frage bei der Geldanlage eine Rolle spielen sollte oder nicht.

Impact-Investing: Solche Fonds und ETFs investieren gezielt in Unternehmen, die schlechte Entwicklungen - vor allem den Klimawandel - bekämpfen. Es wird also gezielt nur in Branchen investiert, die bspw. den Klimawandel aufhalten (Windkraft, Solarenergie,...).

Die Weber-Bank nutzt ebenfalls Auschlusskriterien und legt branchenspezifisch unterschiedliche Schwellenwerte für Umsatzanteile an, die einem bestimmten Segment zuzuordnen sind.

Ab wann ist ein Unternehmen gut?

Viele Unternehmen sind ambivalent. Es gibt kein 0 oder 1, sondern eine Skala mit fließenden Übergangen. Kein Schwarz oder Weiß, sondern viel grau.

Google als Beispiel: Der Datenschutz wird oft kritisiert. Auf der anderen Seite zahlt Google den Familienangehörigen im Todesfall eines Mitarbeiters 10 Jahre lang weiter das Gehalt.

Ist ein Unternehmen schlecht, wenn es 0,1% der Umsätze in einem kritischen Bereich erzielt? Oder erst, wenn es über 5% oder über 50% liegt?

Ist ein Unternehmen schlecht, wenn es vor drei Jahren ein Zulieferer eines Unternehmens war, das ein schlechtes ESG-Rating hat? Ab wann ist das Unternehmen wieder gut?

Und, ganz grundlegend: Was ist überhaupt gut, was ist schlecht? Ist es gut, wenn ein soziales Netzwerk Personen sperrt oder ist es eine unzulässige Form der Zensur? Werden Arbeiter im Niedriglohnsektor ausgebeutet oder bekommen diese eine Alternative zur Arbeitslosigkeit? Ist Überwachungssoftware gut, weil sie für Sicherheit sorgt, oder ist sie das Einfalltor staatlicher Überwachung?

Diese Fragen müssen niemanden davon abhalten in nachhaltige Unternehmen zu investieren. Es zeigt aber, dass die Fragen ziemlich komplex und nicht eindeutig sein können. Die Praxis bestätigt das, wie ich dir gleich zeige.

Der renommierte Finanzprofessor Aswath Damodaran hat das Konzept nachhaltigen Investierens als "overhyped" und "oversold" bezeichnet (ausführlichere Diskussion von mir in Podcast #35). Er zeigt außerdem, wie Präferenzen und Prioritäten schon nach Alter stark schwanken, was einheitliche Kriterien erschwert:

Auch die Autoren von diesem Paper zeigen, wie sehr die Bewertungen für einzelne Unternehmen auseinandergehen und sich von Ratingagentur zu Ratingagentur unterschieden.

Auch die Wirtschaftswoche hat beispielhaft Unternehmen auf Basis von MIT-Daten visualisiert:

Quelle der Grafik: Wirtschaftswoche

Tariq Fancy, Ex-Nachhaltigkeitschef bei Blackrock, sagt im WiWo-Interview:

ESG ist schwer zu definieren und hängt stark von Werten und Vorstellungen ab. In Deutschland ist Atomkraft böse, in Frankreich hervorragend. Es kann sich also jeder das herauspicken, was er will. Für Finanzmanager ist das eine Herausforderung. Ich wüsste an ihrer Stelle auch nicht, was ich tun sollte.

Die davor erwähnte Studie stellt außerdem fest, dass die Korrelation der Ratings recht gering ist und durchgehend unter 0,5 liegt. Als Hintergrund: Bei einer Korrelation von 1 sind alle Ratings identisch, bei einer Korrelation von 0 gibt es keinen Zusammenhang zwischen den Ratings der Agenturen.

Außerdem werden weitere Verzerrungen festgestellt: Je größer das Unternehmen, desto besser ist tendenziell das ESG-Rating. Auch Schwellenländer-Aktien schneiden unterdurchschnittlich ab.

Fatale Börsenmoral? Greenwashing und falsche Versprechen

Eine große Gefahr bei schwammigen Kriterien und unterschiedlichen Auslegungen ist Greenwashing: Dinge, die Anleger eigentlich gar nicht haben wollen, landen dann doch in angeblich nachhaltigen Investments.

Der ehemalige Blackrock-Manager Tariq Fancy, der für Nachhaltigkeitsinvestitionen beim größten Vermögensverwalter der Welt zuständig war, wird vom Handelsblatt so zitiert:

Fancy hält den Boom für ein „gefährliches Placebo“. Nachhaltige Investments würden den Anlegern das Gefühl geben, in etwas „Gutes“ zu investieren und dabei gleichzeitig attraktive Renditen verdienen zu können. Die Branche habe dabei sehr viel Spielraum gehabt, um die ESG-Kriterien so zu definieren, dass sie für die jeweiligen Anbieter passen.

„Doch das verschleiert nur die unbequeme Wahrheit, dass wir viel mehr erreichen müssen. Und dazu gehört auch, unangenehme Entscheidungen zu treffen“, so Fancy. Er geht davon aus, dass es künftig eine Reihe von Greenwashing-Fällen geben wird.

Eine andere Gefahr ist die Verschiebung der Prioritäten. Anleger sind womöglich bereit auf Rendite zu verzichten und dafür "bessere" Investments zu tätigen (die Diskussion darum, ob man dadurch auf Rendite verzichten muss ist hier mal ausgeklammert). Das kann aber dazu führen, dass der gute Wille die ökonomische Rationalität überwindet.

Dann wird auf grüne Investments gesetzt, die womöglich aber nicht mehr mit der gleichen Sorgfalt hinsichtlich Chance und Risiko geprüft werden. Genau das wissen auch einige Anbieter, die das gezielt ausnutzen, um ihre eigene Rendite auf Kosten der Anleger zu maximieren.

Es gibt eine lange Liste an Fällen in Deutschland, wo mit nachhaltigen Investments, sei es Solar oder Windparks, viel Geld verloren (und teilweise veruntreut) wurde: Prokon, Thomas Lloyd, Solarworld, die UDI-Gruppe und mehr.

Fancy sagt außerdem, dass der Effekt von grünen ETFs ziemlich gering ist:

Private langfristige Investments können eine positive Rolle spielen. Ein Climate Tech Fund, der vielleicht eine Milliarde Dollar in Carbon Capture Technologie investiert, kann viel bewegen. Es stellt Innovatoren neues Kapital zur Verfügung. Aber zu häufig fließt Geld in Produkte, die ohnehin schon auf den öffentlichen Märkten gehandelt werden. Ob ich in einen normalen ETF oder in einen grünen ETF investiere, macht für das Klima kaum einen Unterschied. Für die Fondsgesellschaften allerdings schon. Das vermeintlich grüne Produkt kostet mehr Gebühren.

Fazit: Erkenntnisse des Vergleichs der Nachhaltigkeitskriterien

Einige Dinge lassen sich nach dem Überblick festhalten:

  • Es gibt unterschiedliche Definitionen, was ein gutes Unternehmen ausmacht und ab wann ein Unternehmen nicht mehr gut ist
  • Damit einhergehend variieren auch ESG-Ratings stark, obwohl diese nach außen ähnlich aussehen
  • Das Ergebnis der Ratings lässt sich unterschiedlich umsetzen, von Ausschlusskriterien über Gewichtung bis zu best-in-class Ansätzen
  • Es gibt unterschiedlich starke Abstufungen beim Investieren in ETFs und Fonds, die auf ESG-Kriterien oder SRI-Kriterien setzen
Tags: Nachhaltigkeit | Aktien:

Disclaimer: Die Inhalte stellen keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlungen dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden, die du selbst prüfen musst. Es gibt keine Garantien. Ich kann selbst in besprochene Aktien investiert sein. * Bei Partnerlinks erhalte ich ggf. eine Provision.

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Ich bin Jannes, Jahrgang 1993 und Gründer von StrategyInvest. Seit 2011 investiere ich an der Börse. Damals habe ich mein VWL-Studium mit Finanzschwerpunkt erfolgreich absolviert und bin nun seit mehreren Jahren in der Digital- und Techbranche aktiv, aktuell als Product & Strategy Lead. Ich kenne daher Investieren, Technologie und Unternehmertum aus wissenschaftlicher Sicht, aber auch aus der Praxis. Die Erkenntnisse daraus teile ich hier.

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Auszug aus dem Manifest:

Regel #7: Wir kaufen nicht nur, weil etwas steigt.

Einige Aktionäre kaufen Aktien nur wegen eines „Geheimtipps“, eines steigenden Kurses oder eines Hypes und merken erst dann, wenn sie fällt, dass die Geschäftszahlen die Bewertung kaum rechtfertigen konnten. Angesagte Aktien können auch gute Aktien sein. Sie nur wegen eines Hypes zu kaufen, wäre aber kurzfristige Spekulation. Und wir wissen: Nur weil eine Aktie gut ist, stark wächst oder im Hype ist, heißt es nicht, dass sie auf Dauer überdurchschnittlich gute Renditen abwirft. Oftmals ist das Gegenteil der Fall.

zum kompletten StrategyInvest Manifest »

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