von Jannes Lorenzen

Gründer, Strategie-Lead & Investor

veröffentlicht; 19. Dezember 2021

Die ist eines der großen deutschen Traditionsunternehmen. Gerade dieses ist in der Coronapandemie, davor ohnehin schon geschwächt, in starke Schieflage geraten. Die Folge: Der Aktienkurs ist weiter abgestürzt und der Staat musste eingreifen.

Entsprechend am Boden liegt das Unternehmen, auch wenn erste Lichtblicke erfolgen: Die Pandemie ist nicht vorbei, aber ein mögliches Ende globaler Lockdowns in Sicht. Die Hilfe vom Bund konnte vorzeitig zurückgezahlt werden.

Nichtsdestotrotz bleibt die Lufthansa-Aktie vor allem eine Wette darauf, ob die Lufthansa zu alter Stärke zurückfindet oder diese Krise womöglich nicht überlebt.

Genau das ist aber der Grund, warum die Lufthansa-Aktie interessant sein könnte: Der Turnaround. ✈️

Die Lufthansa-Aktie liegt 75% unter dem Allzeithoch. Das Geld vom Bund konnte vorzeitig zurückgezahlt werden. Mit einem sich erholenden Geschäft könnte auch die Aktie wieder steigen. Die Aktie wird aktuell mit weniger als der Hälfte des Umsatzes bewertet, im Vergleich zum 2019er-Umsatz sogar nur mit etwa einem Fünftel.

Finden wir also heraus, ob sich eine Investition aktuell lohnen könnte. Ist die Lufthansa Aktie zu teuer? Oder sollte man gerade jetzt Lufthansa Aktien kaufen? Diesen Fragen versuchen wir uns zu nähern.

Dabei erfährst du, wie das Geschäftsmodell funktioniert und wie gut es ist, wie es um die Zahlungsfähigkeit von Lufthansa steht, wie die aktuelle Strategie aussieht, wie die Chancen von dieser sind und wo auch die Risiken liegen. Viel Spaß!

Überblick: Das steckt hinter Lufthansa

Das Unternehmen

Die Lufthansa Group ist die Aktiengesellschaft, die rund um die Lufthansa bzw. eigentlich die „Deutsche Lufthansa“ aufgebaut. Die Lufthansa ist die größte deutsche Fluggesellschaft mit dem bekannten Kranich-Logo und wurde 1953 gegründet.

1955 nahm die Lufthansa den Flugbetrieb auf. Bis 1963 war der einzige Eigentümer der deutsche Staat, seit 1997 ist die Lufthansa komplett privatisiert.

Produkt & Geschäftsmodell

In der Lufthansa AG sind heute unterschiedliche Geschäftsmodelle gebündelt.

  • Airlines: Deutsche Lufthansa, Swiss International Air Lines, Brussels Airlines, Eurowings und weitere (vor allem in Europa ansässig, weltweit aktiv)
  • Luftfracht & Logistik: Lufthansa Cargo AG
  • Flugzeugwartung & Catering: u.a. Lufthansa Technik AG

Aktienkurs

Der Aktienkurs hat sich über die letzten Jahre ziemlich schlecht entwickelt und liegt ca. 75% unter dem Allzeithoch von 2018:

Schauen wir noch weiter zurück: Seit 1996 ist die Achterbahnfahrt der Normalzustand der Lufthansa-Aktie.

Factsheet

Factsheet

Alle Zahlen, sofern nicht anders angegeben, in der jeweiligen Heimatwährung und TTM (= letzte 12 Monate). Zusatz ‚e‘ = erwartet, ‚YoY‘ = im Jahresvergleich.

Die Eckdaten

  • Land: Deutschland
  • Branche: Airline
  • Marktkapitalisierung: 7 Mrd. EUR
  • Umsatz: 13,6 Mrd. EUR (2019: 36,4 Mrd.)
  • Ergebnis: -3 Mrd. EUR (2019: 1,2 Mrd.)
  • Free Cashflow: -1,5 Mrd. EUR (2019: 0,3 Mrd.)

Bewertung

  • KUV: 0,35
  • KGV: –
  • KGVe: 36
  • KCV: 2,2
  • KBV: 2

Qualität & Wachstum

  • Eigenkapitalquote: 4%
  • Bruttomarge: 1% (2019: 16%)
  • Nettomarge: -22% (2019: 3%)
  • Umsatzwachstum: 0 – 5% p.a. bis 2019

Schauen wir uns nun an, was hinter diesen Zahlen steckt.

Business Breakdown: Geschäftsmodell analysiert

Schauen wir uns einmal an, wie das Geschäftsmodell aussieht.

Unternehmensentwicklung

Lufthansas Fundamentalzahlen sind durch die Pandemie stark unter Beschuss.

  • 2016: 31,6 Mrd. Euro Umsatz
  • 2017: 35,6 Mrd. Euro Umsatz (+13%)
  • 2018: 35,5 Mrd. Euro Umsatz (-0,3%)
  • 2019: 36,4 Mrd. Euro Umsatz (+3%), 2 Mrd. Euro Adj. EBIT
  • 2020: 13,6 Mrd. Euro Umsatz (-63%), -5,4 Mrd. Euro Adj. EBIT

Im neuen Quartalsbericht Q3 2021 werden die ersten 9 Monate von 2021 und 2020 verglichen. Die Umsätze sind tatsächlich ziemlich identisch bei ca. 12 Mrd. Euro. Der Verlust wurde von 5,6 Mrd. auf 1,9 Mrd. Euro reduziert.

Die prozentualen Gewinnmargen sind auf einem weitestgehend konstanten, leicht positiven Trend.

Der Umsatz teilt sich auf mehrere Segmente auf. In den ersten neun Monaten 2021 ist vor allem das Airline-Geschäft (dunkelblau hinterlegt) pandemiebedingt negativ beeinflusst.

  • Airline-Segment: 51% des Umsatzes
  • Logistik: 23%
  • Technik: 19%
  • Catering: 7%

Wie gesund ist die Lufthansa?

Wie sieht Lufthansas Bilanz aus? Eher schlecht.

Die Eigenkapitalquote ist von 24% (2019) auf 3,5% (2020) gesunken. Zuletzt (Q3 2021) lag sie bei 9%. Das heißt im Klartext, dass bei der Bilanzsumme von ca. 40 Mrd. Euro nur ein kleiner Teil Eigenkapital ist.

Dieses Polster ist so schnell geschmolzen, dass die Bundesrepublik Deutschland eingesprungen ist. Insgesamt hat der Staat ca. 3,8 Mrd. Euro in die Hand genommen. 3,5 Mrd. Euro als Darlehen, mit 300 Mio. Euro wurden Lufthansa-Aktien gekauft, womit die Bundesrepublik bis heute etwa 14% der Anteile hält.

Vor kurzem, im November 2021, hat die Lufthansa die Darlehen des Bunds vorzeitig zurückgezahlt:

Die Deutsche Lufthansa AG hat am Freitag alle verbliebenen Stillen Einlagen der Bundesrepublik Deutschland zurückgeführt beziehungsweise gekündigt. Die Rückzahlung erfolgte deutlich früher als ursprünglich geplant. Ermöglicht wurde dies primär durch die steigende Nachfrage nach Flugreisen, die schnelle Restrukturierung und Transformation der Lufthansa Group und das Vertrauen der Kapitalmärkte in das Unternehmen.

Vertrauen der Kapitalmärkte heißt hier: Die Lufthansa konnte eine neue Anleihe über die Börse herausgeben.

Zum Stand des letzten Quartalsberichts sieht die Bilanz so aus und verdeutlicht die hohe Verschuldung:

  • Eigenkapital: 3,7 Mrd. Euro (9% EK-Quote)
  • Kurzfristige Schulden: 15 Mrd. Euro
  • Langfristige Schulden: 23 Mrd. Euro
  • Nettokreditverschuldung: 9 Mrd. Euro (inkl. Pensionsrückstellungen: 16 Mrd.)
  • Kurzfristig verfügbares Kapital: 7,3 Mrd. Euro

Um das ins Verhältnis zu setzen: 2020 hat Lufthansa 6,7 Mrd. Euro verloren, in den ersten 9 Monaten 2021 bisher 2 Mrd. Euro. Das letzte Quartal lief immerhin im Ergebnis nur noch minimal negativ, im Cashflow leicht positiv.

Die Current Ratio liegt bei 0,85. Diese setzt kurzfristiges Vermögen mit kurzfristigen Verbindlichkeiten ins Verhältnis. Unter 1 heißt, dass kurzfristig noch etwas Geld fehlt und Zuflüsse nötig sind.

Die Cash Ratio verfährt ähnlich, setzt allerdings Cash und Cash-ähnliche Vermögenswerte (siehe „Kurzfristig verfügbares Kapital“) mit kurzfristigen Forderungen ins Verhältnis. Hier liegt die Lufthansa mit 0,15 ebenfalls bei einem recht schlechten Wert.

Es zeigt aber auch: Noch ein Jahr wie 2020 wurde Lufthansa womöglich nicht überleben.

Tieferer Blick in die Geschäftszahlen

Das Problem Lufthansas in der Krise verdeutlichen die Leistungsdaten. In 2020 gab es 75% weniger Fluggäste, 77% weniger verkaufte Sitzkilometer und eine Auslastung von 63% statt vorher 83%. Auch das Frachtvolumen ist um 30 bis 40% zurückgegangen, auch wenn die Auslastung pro Flug leicht besser war.

Die Lufthansa verweist nun auf sich erholende Zahlen. Für das Geschäftsjahr 2022 wird eine Erholung im Privatkunden-Segment auf 85% des 2019er Niveaus, 60% bei den Geschäftskunden.

Auf Wochenebene wurde zuletzt 80% des Vorkrisenniveaus erreicht.

Bewertung des Geschäftsmodells

Wie schneidet das Unternehmen in der Geschäftsmodell-Bewertung der Scorecard ab? Tiefergehende Erklärungen zu den Kriterien gibt’s hier und hier.

Geschäftsmodell-Bewertung

Wiederkehrende Umsätze mit Lock-In

Wird wiederkehrender Umsatz mit hohen Wechselkosten erzielt?

Es gibt quasi keine wiederkehrenden Umsätze und auch keinen Lock-In Effekt. Jeder Kunde kann jederzeit aufhören Lufthansa zu nutzen oder die Airline wechseln. Einzig über Sammeln von Meilen entsteht ein Bestandskundenprogramm.

Netzwerkeffekte

Wird das Produkt besser, je mehr Kunden es nutzen?

Die Netzwerkeffekte sind eher negativ: Je weniger Kunden im Flieger, desto besser für mich.

Skaleneffekte (Economies of Scale)

Wird das Geschäftsmodell mit zunehmender Größe widerstandsfähiger?

Je größer die Airline, desto besser die Abdeckung, desto eigenständiger die Wartung und Service und desto flexibler kann auf Engpässe reagiert werden (bspw. durch Ersatzflieger). Aber: Auf Basis einer Strecke (bspw. Frankfurt nach New York) sind die Vorteile, ob eine kleine oder große Airline diese mit dem gleichen Flugzeug fliegt, marginal.

Proprietäre Technologie

Besitzt das Unternehmen eigene Technologie oder Patente, die nicht einfach kopiert werden können?

Ich sehe nicht, dass die Lufthansa sich technologisch abhebt – genau wie sie allerdings nicht von anderen technologisch abgehängt wird. 

Marke (Branding)

Hat das Unternehmen eine starke Marke, die das Geschäftsmodell nach vorne bringt?

Die Lufthansa hat ein Premium-Image, auch wenn dies nicht zuletzt durch die finanziellen Schwierigkeiten einige Kratzer bekommen hat und andere Airlines aus dem Ausland mit hohen Qualitätsstandards aufholen.

Geschäftsmodell-Bewertung: 10 / 25

Zukunft: Burggraben, Strategie & Wachstumsperspektiven

Bevor wir gleich in die SWOT-Analyse gehen, schauen wir in die Zukunft. Wie sieht die Strategie aus? Wie ist die Konkurrenzsituation und der eigene Burggraben gegenüber der Konkurrenz? Welche Wachstumsperspektiven gibt es?

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Tags: Lufthansa | Aktien: Lufthansa

Die Inhalte stellen keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden. Vor jeder Investition solltest du selbst Chancen und Risiken prüfen.

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Ich bin Jannes, Gründer von StrategyInvest. Seit 2011 investiere ich an der Börse, seit 2013 teile ich Erfahrungen und Wissen mit Anlegern. Daneben habe ich mein VWL-Studium mit Finanzschwerpunkt erfolgreich absolviert und bin seit mehreren Jahren in der Digital- und Techbranche unterwegs, aktuell als Product & Strategy Lead. Ich kenne daher das Investieren, Unternehmen und Unternehmertum aus wissenschaftlicher Sicht und aus der Praxis. Hier teile ich Analysen, Wissen & Anlageentscheidungen mit dir.

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Auszug aus dem Manifest:

Regel #4: Wir legen mittel- und langfristig an.

Die Finanzwissenschaft weiß längst: Je mehr getradet und je öfter ins Depot geschaut wird, desto schlechter die Rendite. Market Timing, also Einschätzen kurzfristiger Marktbewegungen, funktioniert nicht und richtet mehr Schaden als Nutzen an.Langfristig anlegen ist erfolgversprechender und entspannter. Und: Es ist der einzige Anlagehorizont, der logisch zu einer fundamentalen Bewertung, an die sich der Aktienkurs mit der Zeit im Optimalfall annähert, passt.

zum kompletten StrategyInvest Manifest »

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