Einstieg: Finanzen & Kennzahlen von Unternehmen einfach verstehen

von Jannes Lorenzen

Gründer, Investor, Strategie-Lead & Ökonom

Wer ein (Aktien-)Unternehmen verstehen, analysieren und bewerten möchte, kommt nicht umher, sich mit den Finanzen und Kennzahlen dafür zu beschäftigen. Aber wo fängst du an?

Am besten genau hier. Denn ich gebe dir hier einen Überblick, welche Zahlen es überhaupt gibt, welche wichtig sind und wie du darauf aufbauend dein Know How vertiefen kannst.

Welche Zahlen gibt es überhaupt?

Unternehmen veröffentlichen in der Regel quartalsweise ihre Zahlen. Einmal im Jahr steht der größere und umfangreichere Jahresbericht an. Gibt es zwischendrin wichtige News, müssen auch diese in Ad-hoc Mitteilungen veröffentlicht werden.

Dabei gibt es kein vorgeschriebenes Maximum, aber ein Minimum, das offengelegt werden muss. Das sind Zahlen nach einem Schema, das international sehr ähnlich angewandt wird.

Die 3 Formen der Geschäftszahlen

Die Zahlen teilen sich auf drei unterschiedliche Formate auf:

  • Bilanz: Hier wird zu einem Stichtag (dem letzten Tag der Periode) ausgegeben, wieviel Geld in einem Unternehmen steckt, woher es kommt (Eigenkapital oder Kredite) und worin es investiert ist (Maschinen, Bankkonto, Rohstoffe, Immobilien...).
  • Cashflow-Statement: Die Zahlungsflüsse eines Unternehmens, vergleichbar mit Ein- und Ausgängen auf dem Bankkonto. Hier sind, anders als bei der GuV, nur Vorgänge wirksam, bei denen tatsächlich Geld fließt.
  • Gewinn- und Verlustrechnung (GuV): Der nach buchhalterischen Standards ermittelte Gewinn. Anders als beim Cashflow werden hier auch nicht-zahlungswirksame Leistungen berücksichtigt, bspw. Abschreibungen auf Maschinen, Aufwertungen von Grundstücken, Verteilung von Zahlungen für Verträge mit mehrjähriger Laufzeit auf die einzelnen Perioden etc.

Ausführlicher habe ich die Unterschiede zwischen GuV und Cashflow-Statement hier beschrieben.

Nahezu alle Kennzahlen, die du auf Finanz-Webseiten findest, beruhen im Kern auf Zahlen aus den drei beschriebenen Statements. Entweder sind sie 1:1 übernommen oder es wurden neue Kennzahlen aus ihnen berechnet - mehr dazu gleich.

Externe Zahlen

Dazu gibt es einige weitere Zahlen, die helfen und nicht vom Unternehmen selbst in diesen drei Berichten veröffentlicht werden. Beispielsweise der Aktienkurs und der Börsenwert eines Unternehmens, die nicht das fundamentale Geschäft widerspiegeln, aber die Wahrnehmung an der Börse.

Auch Gewinnschätzungen von Analysten, die das Unternehmen beobachten, können interessant sein und kommen in der Regel von außen.

Zusammenfassung

Halten wir fest: Es gibt nur drei offizielle Quellen von Unternehmenszahlen.

  • Bilanz ("Woher kommt das Geld im Unternehmen und wo ist es investiert?")
  • Cashflow-Statement ("Wieviel Geld ist dem Unternehmen zu- oder abgeflossen?")
  • Gewinn- und Verlustrechnung ("Wieviel Gewinn oder Verlust hat das Unternehmen gemacht?")

Welche Kennzahlen sind wichtig?

Schon die Unternehmenszahlen selbst sind vielfältig. Darauf basierend werden Kennzahlen berechnet, die noch vielfältiger werden. Die Zahlenwelt wirkt daher sehr unübersichtlich.

Um sie besser zu verstehen sind folgende Grundsätze wichtig:

Grundsätze

  • Eine Zahl ist nicht besser oder schlechter als eine andere. Jede Zahl liefert schlichtweg auf eine andere Frage eine Antwort.
  • Umso entscheidender ist es daher, sich bei einer Aktienanalyse die richtige Frage zu stellen und dann zu überlegen, welche Kennzahl/en dafür die richtige ist/sind.
  • Umgekehrt sind Kennzahlen auch wichtig, da sie Fragen aufwerfen können, auf die es sich lohnt Antworten im Geschäftsmodell zu finden.
  • Alle Zahlen und Kennzahlen sind wie ein Werkzeugkoffer. Oft ist auch nicht wichtig, jede auswendig zu kennen, sondern grob zu wissen, welche Zahlen es für welchen Anwendungsfall gibt.

Ein paar konkrete Beispiele verdeutlichen das. Wie können wir also mit Kennzahlen Licht in konkrete Fragestellungen bringen?

"Wie profitabel ist das Unternehmen?"

Zuerst können wir uns den Nettogewinn aus der GuV anschauen. Womöglich gab es aber nicht-operative Sondereffekte, bspw. hohe Rückstellungen, Steuern oder einmalige Investitionsgewinne. Daher schauen wir sicherheitshalber auch auf das operative Ergebnis.

Ergänzend schauen wir auf das Cashflow-Statement. Im Optimalfall haben wir nicht nur einen Gewinn auf dem Papier, sondern auch reale Geldzuflüsse.

Absolute Zahlen sind das eine, aussagekräftiger sind diese aber im richtigen Kontext. Wir können also alle Ertragsmetriken ins Verhältnis zum Umsatz setzen. Wir erhalten die Nettomarge, operative Marge, Free Cashflow Marge und weitere.

Diese Margen können wir nun über den Zeitverlauf beobachten und schauen, ob die Profitabilität gesteigert werden konnte. Wir können sie außerdem mit der Konkurrenz vergleichen.

Wir können auch noch weitergehen und die Kapitalrendite berechnen, wenn wir wissen wollen, wie effektiv das Unternehmen mit dem investierten Geld umgeht. Hier setzen wir beispielsweise den Gewinn ins Verhältnis zur Bilanzsumme (= dem gesamten Kapital eines Unternehmens) und berechnen dadurch den ROI. Je höher, desto effektiver.

Dadurch können wir unterschiedliche Fragestellungen verstehen:

  • Wie profitabel ist ein Unternehmen?
  • Wie entwickelt sich die Profitabilität?
  • Wie sehen die Margen im Konkurrenzvergleich aus?
  • Wie effektiv wird das Kapital eines Unternehmens eingesetzt?
  • Wie profitabel kann ein Unternehmen werden?

"Wie stabil ist das Unternehmen finanziell aufgestellt?"

Das existenzielle Risiko eines Unternehmens ist die Insolvenz. Auch hierfür haben wir unterschiedliche Kennzahlen im Werkzeugkoffer.

Ein Sicherheitsmerkmal ist es, wenn die Verschuldung möglichst gering oder nicht vorhanden ist. Dafür schauen wir in die Bilanz. Je geringer die Verbindlichkeiten, also die Verschuldung, anteilig zum Gesamtkapital ist, desto besser.

Wir können aber noch tiefer hineingehen. Je früher die Schulden bedient werden müssen (= kurzfristige Verbindlichkeiten), desto höher ist das Risiko.

Außerdem ist der Gewinn interessant. Vielleicht hat das Unternehmen sich zu Großteilen über Kredite finanziert, ist aber hochprofitabel und könnte die Schulden in einem Jahr komplett tilgen. Dafür schauen wir dann bspw. das Verhältnis von EBITDA (aus der GuV) zu kurzfristiger Verschuldung (aus der Bilanz) an.

"Wie stark und effektiv wächst das Unternehmen?"

Der Wachstumsvergleich ist recht simpel: Wir nehmen eine Kennzahl und vergleichen diese über unterschiedliche Perioden.

Am relevantesten ist meist der Umsatz und das operative Ergebnis, sowohl im Vergleich zur direkten Vorperiode und zur Vergleichsperiode im Vorjahr. Sprich: Umsatz in Q1 2023 gegenüber Q4 '22 und Q1 '22.

Vielleicht ist ein Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, aber im Vergleich zum direkten Vorquartal geschrumpft. Ein Blick auf mehrere Kennzahlen, abseits vom Umsatz, kann außerdem zeigen, ob ein Unternehmen den Umsatz nur zu Lasten des Gewinns steigern konnte.

"Wie teuer ist das Unternehmen bewertet?"

Ein Unternehmen kann gut sein. Entscheidend ist aber auch die Frage der Bewertung: Welchen Preis zahlst du aktuell dafür?

Dafür gibt es unterschiedliche Bewertungskennzahlen. Die populärste: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis.

Dafür nehmen wir den aktuellen Börsenwert und teilen ihn durch den Gewinn der letzten 12 Monate (oder für das KGVe den erwarteten Gewinn der nächsten 12 Monate). Je niedriger, desto günstiger wird eine Aktie bewertet. Hinter jeder Bewertung steckt allerdings ein Grund, weshalb das allein kein Kaufgrund sein sollte.

Das gleiche können - und sollten - wir mit dem Umsatz, dem operativen Ergebnis, den Cashflows oder dem Eigenkapital (= Buchwert) umsetzen.


Hier findest du eine Übersicht unterschiedlichster Kennzahlen und Erläuterungen dahinter.

Wo bekomme ich die Zahlen her?

Diese Zahlen werden der jeweiligen Börse gemeldet, aber auch auf der eigenen Investor Relations Seite veröffentlicht. Tipp: Einfach nach "[Name der Aktie] Investor Relations" googlen und du wirst fündig.

Auf der eigenen Webseite gibt es in jedem Fall die korrekten Zahlen. Auf Finanzwebseiten können sich immer mal wieder Fehler einschleichen: Falsch übergebene Daten, Unterschiede bei der Rechnungslegung unterschiedlicher Regionen, abweichende Wechselkurse und so weiter.

Allerdings findest du auf der eigenen Investor Relations Seite nur selten alle interessanten Kennzahlen. Finanzwebseiten kalkulieren viele andere Kennzahlen, die ich hier auch beschrieben habe, und erleichtern dir damit das Leben.

Empfehlungen zu Finanzwebseiten

Einige Kalkulationen von Kennzahlen, die ich favorisiert anschaue, findest du auch hier. Andere Webseiten mit guter Zahlenbasis:

Häufig gestellte Fragen zu Finanzen und Kennzahlen von Unternehmen

Kurz und knapp Antworten auf die häufigsten Fragen.

Sollten Finanzzahlen allein Kauf- oder Verkaufsgrund sein?

Ich denke nicht, auch wenn einige Anleger so vorgehen. In meinen Augen ergeben Zahlen (und deren quantitative Analyse) nur im richtigen Kontext Sinn, weshalb sie mit einer qualitativen Analyse des Geschäftsmodells, der Marktsituation und der Strategie kombiniert werden sollten.

Außerdem ist eine wichtige Frage, wie das Depot insgesamt aufgebaut ist. Ist es gut diversifiziert? Gibt es zu große Klumpenrisiken?

Welche Periode ist am aussagekräftigsten?

Grundsätzlich gilt: Je aktueller, desto besser. An der Börse werden immer die neuesten Zahlen schon im Kurs enthalten sein.

Bedeutet: Wenn die Zahlen bis Q3 '22 veröffentlicht sind, solltest du nicht allein auf 2021er Zahlen zurückgreifen, sondern auch auf die neuesten Zahlen.

Was ich mir immer mindestens anschaue:

  • Das aktuellste Quartal - hier sind die neuesten Entwicklungen sichtbar
  • Die letzten 12 Monate (TTM) - einige Geschäftsmodelle haben Saisonalitäten, die über den Jahresblick ausgeglichen werden
  • Die Entwicklung über die letzten fünf Jahre - um längerfristige Trends und Ausreißer zu erkennen

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