von Jannes Lorenzen

Gründer, Strategie-Lead & Investor

veröffentlicht: 21. April 2021

Sind die großen Tech-Aktien so attraktiv bewertet wie lange nicht mehr?

Ich bin zuletzt über einen spannenden Ausschnitt aus einer JP Morgan Analyse gestolpert. Dieser betrifft die "Mega Cap Tech stocks", also die größten Technologie-Aktien wie Apple, Microsoft, Alphabet, Facebook, Netflix und Amazon. Diese werden oft auch als FANG, FAANG, FANG-M etc. bezeichnet.

Diese Aktien waren über das letzte Jahrzehnt einige der stärksten Investments und haben Bewertungsrekorde gebrochen. Zuletzt scheint das Interesse an diesen Aktien aber gesunken zu sein.

Die Long/Short-Ratio, also das Verhältnis von Anlegern, die auf steigende Kurse setzen ggü. denen, die auf fallende Kurse setzen, ist fast auf dem tiefsten Stand der letzten drei Jahre. Das gleiche gilt für das "Net Exposure", also der Portfolio-Anteil, der im Vergleich zum Gesamtmarkt in diese Aktien investiert wird.

Es bestätigt mein Bauchgefühl: Trotz größtenteils großartiger Zahlen (siehe Quartalsberichte) haben einige große Aktien kaum Kurssprünge erlebt. Viele Anleger wollen gerade lieber die nächste Wachstumsstory finden, während die großen Tech-Aktien fast wieder zu langweilig werden. Ich sehe es eher als Chance.

Neben dem geringeren Fokus haben die FAANGM Aktien sich stark entwickelt und sind dadurch in der Bewertung nach Ertragskriterien günstiger geworden. Aber: Auch der regulatorische Druck ist gestiegen.

Deshalb schaue ich hier einmal gebündelt auf die größten Chancen und Risiken sowie die aktuelle Bewertung der großen Tech-Aktien. Viel Spaß!

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Facebook (Meta)

Das Unternehmen Facebook besteht heute aus mehreren sozialen Netzwerken: Facebook selbst, Instagram und WhatsApp. Auch VR-Brillen sind Teilen des Konzerns.

📈 Chancen

E-Commerce

Unternehmen haben auf Facebook und Instagram die Möglichkeit, entweder über organische oder bezahlte Beiträge - Posts, Stories etc. - ihre Marke aufzubauen und Produkte zu verkaufen. Gerade durch das immer stärker werdende Influencer Marketing, vor allem auf Instagram, gewinnt dies an Bedeutung.

Es ist aber bisher immer ein Zwischenschritt nötig: Möchte ein Nutzer ein Produkt kaufen, muss er die jeweilige Webseite besuchen, sich durchnavigieren, seine Zahlungsdaten hinterlegen etc.

Facebook versucht nun, diesen Prozess zu vereinfachen und davon mehr abzukommen, als nur die Erlöse, wenn eine Werbung gebucht wird. Facebook möchte den Zahlungsprozess übernehmen.

Sollte die Lösung gut umgesetzt werden, kann es das Kundenerlebnis deutlich verbessern. Und was hat Facebook davon?

  1. Facebook kann einen Prozentsatz von jeder Bestellung als Gebühr verlangen.
  2. Facebook erhält mehr und noch genauere Nutzerdaten durch die Bestellungen.
  3. Facebook zieht noch mehr Werbegelder zu sich, da Unternehmen das direkte Shopping-Feature nutzen wollen (oder nutzen müssen).

In meinen Augen eine große Wachstumschance, die auf vielen Ebenen Vorteile bietet - für Nutzer und für Facebook.

WhatsApp monetarisieren

WhatsApp war ein 19 Mrd. US-Dollar Zukauf, der bisher keine signifikanten Erlöse beisteuern könnte. Jedoch nutzen über 1,5 Mrd. Nutzer mind. einmal im Monat den Messenger-Dienst, was eine Menge Potential birgt. Allein 58 Mio. Menschen in Deutschland nutzen WhatsApp täglich.

Nur um das einzuordnen: Würde Facebook es schaffen, mit jedem Nutzer bei WhatsApp 2$ im Jahr zu verdienen, wären es immerhin 3 Mrd. USD im Jahr an Zusatzumsatz.

Allerdings ist die Monetarisierung bisher nicht so einfach wie auf den anderen Plattformen: Wie würden Nutzer auf Werbung reagieren? U.a. wegen unterschiedlicher Auffassungen dazu hat der WhatsApp-Gründer das Unternehmen verlassen.

Aber wie kann Facebook konkret mit WhatsApp Geld verdienen?

Erste Möglichkeit: Facebook bietet Unternehmen kostenpflichtige Profile und Lösungen an, die sie zur direkten Kundenkommunikation nutzen können. Unternehmen können dadurch direkt dort mit Kunden kommunizieren, wo sie sich tagtäglich ohnehin aufhalten - ohne Mails, Fax, Telefonieren etc.

Zweite Möglichkeit: WhatsApp integriert Zahlungsmöglichkeiten. WeChat, das chinesische Äquivalent zu WhatsApp, macht es vor. Hier fehlt es bei Facebook aber an vertrauen.

Ich glaube, dass in WhatsApp noch großes Potential liegt. Dieses wird jedoch vermutlich kurzfristig nicht für hohe Umsätze sorgen, sondern eher ein langfristiger Bestandteil sein, der ausgebaut wird.

📉 Risiken

Regulierung oder Aufspaltung

Es gibt zwei Gründe, warum Facebook regulatorische Eingriffe drohen: 1. Die Datenschutzskandale. 2. Die Größe und Zukäufe Facebooks.

Zu 1, dem Datenschutz: Die Debatten...

  • wie Cambridge Analytica Zugang zu persönlichen Daten bekommen konnte,
  • über die Nutzung von politischen Anzeigen auf Facebook zum Vorteil von Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl,
  • ob Facebook "Lügen" verbieten und nicht ausstrahlen sollte (wobei ich mich frage, ob wir wirklich wollen, dass ein privates Unternehmen entscheidet, was eine Lüge ist und was nicht und ob das die beste Lösung ist um "Fake News" zu begegnen)

...führen dazu, dass Facebook (a) Geld in mehr Privatsphäre investiert, (b) Geld in Kampagnen & PR diesbezüglich investiert, damit die Nutzer davon erfahren und (c) zukünftig genauer beäugt wird.

Zu 2, der Größe: Monopole sollen in Marktwirtschaften vermieden werden, da es - in der Theorie - förderlichen Wettbewerb verhindern kann. Facebook ist kein Monopol, aber - durch Zukäufe und Kopieren von Funktionen anderer Netzwerke - mit Abstand in der stärksten Stellung.

Das haben mittlerweile auch viele Politiker gesehen. Das betrifft allerdings nicht nur Facebook, sondern auch die Amazon Aktie, Alphabet Aktie und in Teilen auch die Apple Aktie.

Wie sich diese Risiken konkret äußern werden ist ungewiss. Facebook muss aber Geld in die Hand nehmen, um sein Image zu verbessern und tatsächlich am Datenschutz zu arbeiten. Bei zu starken Expansionen wird zukünftig noch genauer hingeschaut als ohnehin schon. Und nicht zuletzt könnte das fehlende Vertrauen zu Regulierungen führen, die Einstiege in neue Geschäftsbereiche, wie das Payment-Geschäft, verhindern.

Auch Werbeboykotts bei Facebook von Unternehmen haben in der Vergangenheit gezeigt - wenn auch bisher mit sehr geringen Auswirkungen - dass hier ein Risiko besteht.

💸 Zahlen & Bewertung

  • KUV: 10
  • KGV: 30
  • KGVe: 27
  • KCV: 23
  • Bruttomarge: 81%
  • Nettomarge: 34%
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 28% p.a.

Facebook liefert basierend auf aktuellen Cashflows eine Cashflow-Rendite von über 4% p.a. Dazu kauft Facebook ca. 1% der Aktien jährlich zurück. Ohne Wachstum und ohne Bewertungsänderung entsteht schon eine Rendite von > 5% p.a.

Die Margen sind auf hohem Niveau, was selbst bei Rückschlagen Sicherheit gibt und Facebook wächst seit Jahren mit > 25% p.a.

Apple

Apple verkauft heute Hardware und Software. Den Großteil machen iPhone Verkäufe aus. Immer wichtiger werden nun Services (Streaming, Cloud Speicher,...) und kleinere Hardware wie kabellose Kopfhörer. Außerdem gehört die gesamte PC-Sparte (MacBook, iMac, iPad) zum Sortiment.

📈 Chancen

Health

Es klingt provokant, trotzdem möchte ich den Gedanken mit dir teilen: Wird es möglich sein, dass Apple-Nutzer bald länger leben? Was absurd klingt, könnte einer der stärksten Burggraben überhaupt sein.

Den Aufhänger stellt dieses Essay dar, das u.a. auf Twitter auch von populären Investment-Managern kommentiert wurde.

Was würdest du sagen, ist die größte Errungenschaft von Apple? Tim Cook beantwortet diese Frage so:

“If you zoom out into the future, and you look back, and ask the question, ‘What was Apple’s greatest contribution to mankind?’ It will be about health.”

Gesundheit – die größte Errungenschaft von Apple für die Menschheit?

Der erste Gedanke geht an die Apple Watch, die Puls und andere Gesundheitsdaten misst, bei Stürzen automatisch Notrufe absetzen kann und mehr.

Aber was ist, wenn Apple weiter Daten sammelt, die bisher nur isoliert irgendwo vorliegen (Fitnessstudio und -geräte, Uhr, Smartphone, Matratze) und diese mit traditionellen Institutionen (Arzt, Krankenhaus, Blutwerte,…) verknüpft, sicher ablegt und laufend das vollständigste Bild über die Gesundheit eines Menschen erstellen kann?

Im Essay werden weitere Gründe und Hinweise für diese Strategie dargelegt. Ich finde sie ziemlich spannend, da sie ein futuristisches Bild zeichnet, das im Grunde – durch die Integration mehrerer Datenpunkte, die natürlich auch datenschutzrechtliche Hürden mit sich bringt – einen großen Gewinn für die Gesundheit bringen kann, da Daten günstiger, schneller und vollumfänglicher als je zuvor vorliegen würden.

Apple ist positiv für Datenschutz und Privatsphäre der Nutzer bekannt – eine Stärke, die ich bereits in der Aktienanalyse herausgestellt habe. Auch die Aussage von Tim Cook ist bemerkenswert. Sollte Apple diese Integration gelingen, die vermutlich in jedem Fall Zeit brauchen wird, könnte das einer der stärksten Burggraben sein, die wir kennen.

Payment

Apple Pay ermöglicht das Bezahlen, online oder per Smartphone.

Der Payment-Markt gilt durch zunehmenden Online-Handel und drahtlose Bezahlmöglichkeiten als einer der größten Wachstumsmärkte. Allerdings tummeln sich auch hier viele Mitbewerber: Visa und Mastercard, PayPal, Amazon Pay, Google Pay, Stripe und mehr.

Apples Vorteil ist auch hier, dass bereits der Zugang zu Kunden besteht, die das Zahlungsgerät – in der Regel das iPhone, das iPad oder die Smartwatch – bereits besitzen.

Prognosen sehen den Umsatz, den Apple mit Apple Pay macht, von aktuell ca. 1 Mrd. US-Dollar auf 4 Mrd. US-Dollar im Jahr 2023 steigen.

Tim Cook betonte im Earnings Call Q4 2019, dass Apple Pay stärker als PayPal wächst und mittlerweile mehr Transaktionen abwickelt:

We had all-time record revenues from payment services. Apple Pay revenue and transactions more than doubled year-over-year, with over 3 billions transactions in the September quarter; exceeding PayPal’s number of transactions and growing 4x as fast. Apple Pay is now live in 49 markets around the world, with over 6,000 issuers on the platform.

We believe that Apple Pay offers the best possible mobile payment experience, and the safest, most secure solution on the market. We’re glad that thousands of banks around the world participate.

Zuletzt hat Apple die Investition in Werbung speziell fürs Payment-Geschäft verstärkt. Neben dem bestehenden Kundenzugang genießt Apple großes Vertrauen in Sachen Datenschutz und Sicherheit bei Nutzern.

Chip-Vorsprung

Apple hat Intel-Prozessoren aus den eigenen Geräten rausgeworfen und nun u.a. die neuen MacBooks mit dem eigenen Prozessor M1 herausgebracht. Die ersten Bewertungen sind ziemlich positiv beeindruckt: Hohe Geschwindigkeit, kein Ventilator notwendig.

Einstieg ins Autogeschäft

Apple plant offenbar ins Automobilgeschäft einzusteigen. Die Details sind allerdings noch unklar. Hier habe ich 7 Thesen zu den Auswirkungen dieses Schritts diskutiert. Zusammengefasst:

  1. "Es beginnt ein Talent War in der Automobilindustrie"
  2. "Tesla wird zum Android der Automobilindustrie"
  3. "Tesla halbiert sich im Wert"
  4. "Apple baut das Auto selbst"
  5. "Apple kauft ein Automobilunternehmen"
  6. "Apple sucht sich Technologie für autonomes Fahren"
  7. "Apple steigt nochmal deutlich im Wert"

📉 Risiken

Tatsächlich gibt es kaum große Risiken in Apples Geschäftsmodell. Das größte Risiko aus Aktionärssicht liegt wohl in der überdurchschnittlich hohen Bewertung.

💸 Zahlen & Bewertung

  • KUV: 8
  • KGV: 36
  • KGVe: 31
  • KCV: 26
  • Bruttomarge: 39%
  • Nettomarge: 22%
  • FCF-Marge: 31%
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 6% p.a.

Facebook liefert basierend auf aktuellen Cashflows eine Cashflow-Rendite von ca. 4% p.a. Dazu kauft Apple ca. 3% der Aktien jährlich zurück und schüttet ca. 0,6% p.a. aus. Ohne Wachstum und ohne Bewertungsänderung entsteht dadurch eine Rendite von > 7,5% p.a.

Das Wachstum ist eher gering und die Bewertung dafür recht hoch, dass ein Großteil der Umsätze aus Hardware besteht.

Amazon

Bekannt als Online-Händler, aber heute viel mehr als das: Amazon ist neben dem Online-Handel auch Anbieter von Cloud Hosting (AWS) und hat ein profitables, oft unterschätztes Werbegeschäft. Auch im Bereich Gaming (u.a. mit Twitch) und als Online-Apotheke in den USA ist Amazon aktiv.

📈 Chancen

Werbegeschäft

Tech-Experte Ben Evans hat die These: Im Hintergrund von AWS mausert sich vor allem das Werbegeschäft, das im Segment "Other" bei Amazon aufläuft, immer mehr.

Über 20 Mrd. US-Dollar pro Jahr setzt Amazon darin um. Ben Evans nimmt dazu Vergleichszahlen von Google und ein paar Schätzungen.

Sein Ergebnis: Das Werbegeschäft erzielt ca. 13,5 Mrd. US-Dollar operatives Ergebnis. Damit wäre es ähnlich profitabel wie das viel beachtete AWS.

Health

In den USA verschickt Amazon bereits Medikamente unter "Amazon Pharmacy". Ein potenzieller Milliardenmarkt. Dazu hat Amazon mit Amazon Care ein Angebot für Telemedizin, also virtuelle Arztbesuche, ins Leben gerufen (und ist damit ein Konkurrent von Teladoc Health).

Der gesamte Healthcare-Bereich ist riesig und Amazon macht ernsthafte Schritte, um hier Anteile zu gewinnen.

Cloud

Amazon ist Marktführer im Cloud Hosting und betreibt es enorm profitabel.

AWS, die Cloud Service Lösung von Amazon, macht 13 % des Umsatzes, aber 63 % des operativen Gewinns von Amazon aus. Es ist ein B2B-Geschäft, das viele Kunden und Anleger gar nicht kennen.

Das Wachstum ist bei Amazon allerdings nicht am höchsten, da auch andere Konkurrenten aufholen. Trotzdem wächst Amazon hier noch mit durchschnittlich ca. 30 % p.a.

📉 Risiken

Aufspaltung wegen Marktmacht

Amazon wird den Gesetzesgebern langsam zu mächtig. Auch die Steuervermeidungspolitik ist diesen ein Dorn im Auge.

Das könnte zwei Konsequenzen haben:

  1. Akquisitionen von neuen Unternehmen werden verhindert
  2. Amazon wird aufgespalten in unterschiedliche Geschäftsbereiche

Punkt 2 könnte bedeuten, dass bspw. die Cloud-Sparte AWS eigenständig an die Börse gebracht werden müsste. Aber: Einige Analysten sehen sogar die Möglichkeit, dass Amazon dadurch in Summe wertvoller wird, da es in der Regel einen gewissen Holding-Abschlag bei Unternehmen gibt, die viele unterschiedliche Geschäftsbereiche bedienen.

Anders gesagt: Separate Geschäftsbereiche sind in Summe mehr wert, als wenn diese in einem Unternehmen gebündelt sind, obwohl es zwischen ihnen kaum Synergieeffekte gibt.

Marken werden unabhängig

Amazon bietet als Online-Händler Komfort und Vertrauen: Die Preise sind günstig, die Zahlungsdaten hinterlegt, der Support ist unkompliziert, man findet nahezu alles etc.

Vor allem Shopify versucht dem Konkurrenz zu machen, indem es eine Shop-Software aufbaut, die all das ebenfalls anbietet, den Marken und Händlern aber Unabhängigkeit gibt. Diese können nämlich mit der Software ihre eigenen Shops in hoher Qualität aufbauen.

Nichtsdestotrotz: Es wird Amazon höchstwahrscheinlich nicht schaden, da es immer Nachfrage nach einem Allround-Händler wie Amazon geben wird und Amazon einen starken Lock-In durch die Prime-Mitgliedschaft und Zusatzdienste darin hat, es könnte aber das Wachstum bremsen.

💸 Zahlen & Bewertung

  • KUV: 4,5
  • KGV: 80
  • KGVe: 62
  • KCV: 26
  • Bruttomarge: 24%
  • Nettomarge: 3%
  • FCF-Marge: 7%
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 29% p.a.

Amazon liefert basierend auf aktuellen Cashflows, ohne Wachstum, eine Cashflow-Rendite von ca. 4% p.a., was im Vergleich zu den letzten Jahren recht viel ist.

Dazu wächst Amazon noch immer recht stark, allein durch die Corona-Pandemie um knapp +40% im Jahresvergleich. Die Free Cashflow Marge von 7% scheint noch Luft nach oben zu haben.

Netflix

Netflix ist mittlerweile der Exot unter diesen Unternehmen: Fokussiert auf ein einziges Kerngeschäft und das kleinste, vermutlich auch das am wenigsten mächtige, dieser Unternehmen.

📈 Chancen

Werbefinanzierung

Netflix bietet nur kostenpflichtige Zugänge. In Zukunft ist durchaus denkbar (und von einigen Beobachtern erwartet), dass Netflix auch Werbung als Monetarisierungsmöglichkeit einbeziehen wird.

Ende des Account Sharings

"Account Sharing" ist gerade bei Netflix ein oft verwendeter Begriff dafür geworden, sich einen Account mit mehreren Nutzern zu teilen. Bisher hat Netflix es nicht erlaubt, aber geduldet. Ich habe schon in der Netflix Aktienanalyse prognostiziert, dass diese Regelung irgendwann verschärft werden könnte. Zuletzt ist Netflix weitere Schritte in diese Richtung gegangen.

Ein Effekt könnte sein, dass Netflix Nutzer verliert, die sich das Abo nicht alleine oder mit weniger Menschen teilen wollen. Der andere, in meinen Augen wahrscheinlichere Effekt ist, dass Netflix dadurch zahlreiche zahlende Accounts zusätzlich gewinnt.

📉 Risiken

Niedriges Wachstum in Post-Corona-Phase

Netflix hat davon profitiert, dass Menschen in der Corona-Phase mehr Zeit zu Hause verbracht haben. Bei den letzten Quartalsergebnissen hat Netflix so stark überrascht, dass die Aktie zeitweise um 12% gestiegen ist.

Im letzten Jahr hat Netflix knapp 37 Mio. neue Abonnenten dazu gewonnen und damit die 200 Mio. Marke geknackt. Dazu kommt, dass die Zugänge in den USA seit Oktober um 1 bis 2 $ teurer geworden sind. Höhere Preise und eine trotzdem wachsende Nutzerbasis sind ein starkes Fundament. Die starke Retention-Rate von Netflix im Branchenvergleich habe ich schon hier gezeigt.

Entsprechend hoch war das Wachstum am Anfang, entsprechend niedrig war es aber danach. Für das vorletzte Quartal rechnet Netflix mit einem Zuwachs von "nur" 6 Mio. Abonnenten. Die Corona-Pandemie hat Wachstum vorgezogen. Dazu kommt, dass Contentproduktionen verschoben werden mussten.

News: Vor wenigen Stunden gab es neue Quartalszahlen, die enttäuscht und die Erwartungen gedämpft haben. Die Netflix-Aktie hat ca. 10% verloren. Das erwartete Abonnentenwachstum fürs nächste Quartal liegt bei 1 Mio. statt 4 Mio. Abonnenten.

Nun ist die Frage, wie stark Netflix das Wachstum beibehalten kann, wenn die Welt wieder mehr Möglichkeiten bietet, als jeden Abend Netflix anzuschmeißen.

💸 Zahlen & Bewertung

  • KUV: 10
  • KGV: 90
  • KGVe: 56
  • KCV: 100
  • Bruttomarge: 39%
  • Nettomarge: 11%
  • FCF-Marge: 8%
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 29% p.a.

Netflix ist von den hier gezeigten Unternehmen am teuersten bewertet. Die aktuelle Cashflow-Rendite liegt bei 1%, hier liegt daher vor allem Hoffnung auf weiterem Wachstum und der Erhöhung der Gewinnmarge.

Alphabet

Alphabet besteht zu >95% aus Google. Google wiederum erzielt die Umsätze vor allem aus der Suchmaschine, aber auch über YouTube und dem Cloud Hosting Bereich (Google Cloud).

📈 Chancen

Local

Google bindet verstärkt Werbemöglichkeiten auch in Google Maps ein. Auch Zertifizierungen, bei denen lokale Unternehmen sich ein Zertifizierungssiegel von Google kaufen können, werden weiteres Geld in die Kassen spülen (und womöglich Werbekunden gewinnen).

Payment

Genau wie Apple hat Alphabet eine große Chance im Payment-Markt: Durch das Betriebssystem Android, das marktführend bei Smartphones ist, hat Alphabet schon Zugang zu vielen Nutzern.

Auf der anderen Seite hat Google nicht das gleiche Vertrauen, das Apple genießt. Trotzdem kann Alphabet durch Mobile Payments und "Google Pay" als eigene Lösung noch viel Potenzial erobern.

📉 Risiken

Fehlende Wachstumshebel

Alphabet hat drei Erlösströme als Zugpferd: Die Suche, YouTube und Google Cloud. Gerade die beiden ersten werden immer weiter durch Werbeanzeigen monetarisiert. Die Frage ist also: Wie kann das Wachstum aufrechterhalten werden?

Ein wichtiger Faktor bei Wachstumsunternehmen sind die Möglichkeiten, die ein Geschäftsmodell bietet: Amazon ist als Online-Händler für Bücher gestartet und macht heute quasi alles. Shopify hat enorm viele Möglichkeiten. Apple ist mit Computern gestartet und hat heute ein ganzes Ökosystem.

Alphabet hat immer noch einige Möglichkeiten. Eine davon: Google Maps. Zuletzt wurden mehr Werbemöglichkeiten innerhalb von Google Maps geboten. Jetzt gibt es in 400 US-amerikanischen Städten außerdem die Möglichkeit über Google Maps den Parkplatz direkt zu bezahlen. Google schöpft also weiter Potenziale aus.

💸 Zahlen & Bewertung

  • KUV: 9
  • KGV: 39
  • KGVe: 34
  • KCV: 26
  • Bruttomarge: 54%
  • Nettomarge: 22%
  • FCF-Marge: 23%
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 18% p.a.

Alphabet liefert basierend auf aktuellen Cashflows eine Cashflow-Rendite von ca. 4% p.a. Dazu werden ca. 2% des Börsenwerts jährlich zurückgekauft. Das ergibt eine erwartete Rendite - ohne Wachstum und Bewertungsänderungen - von 6% p.a.

Dazu wächst Alphabet recht solide, vor allem durch das immer stärkere Ausbauen der Werbelösungen in der Suche und auf YouTube. Die Margen sind hoch, was Sicherheit gibt.

Microsoft

Microsoft hat den Wandel erfolgreich geschafft und die Dürrephase in den 2010er Jahren erfolgreich hinter sich gelassen. Heute ist Mircosoft ein modern aufgestelltes Unternehmen in einigen Zukunftsbranchen.

📈 Chancen

Cloud Hosting & B2B-Lösungen

Amazon ist Marktführer im Cloud Hosting. Microsoft liegt hier auf Platz 2, hat aber mit 62 % eine fast doppelt so hohe Wachstumsrate im Vergleich zu Amazon und gewinnt folgerichtig Marktanteile in einem wachsenden Markt dazu.

Das renommierte Analyseunternehmen Gartner schätzt, dass der Markt der Cloud Services in den nächsten Jahren um etwa 15 - 17 % pro Jahr wachsen wird.

Microsoft hat möglicherweise komparative Vorteile gegenüber Amazon, da es (a) die Integration mit anderen Business-Tools ermöglichen kann (Microsoft Office, Teams,...) und (b) bspw. bei Banken oder Online-Händlern, die Amazon-Konkurrenten sind, ein höheres Vertrauen genießen könnte.

Akquisitionen ohne Limit

Microsoft hat mit 20 Mrd. US-Dollar gerade die zweitgrößte Akquisition der Firmengeschichte (nach dem Kauf von LinkedIn) getätigt. Das Ziel: Nuance Communications. Nuance ist in erster Linie Anbieter von Sprachverarbeitungslösungen und hat u.a. den Sprachassistenten "Siri" von Apple mitentwickelt.

Microsoft kann - anders als die anderen FAANG-Aktien - weitestgehend unbehelligt weiter zukaufen. Nuance ist das 12. KI-Unternehmen, das in den letzten 5 Jahren gekauft wurde. 

Erst kurz davor wurden andere Akquisitionsgespräche öffentlich: Microsoft möchte mutmaßlich die Audio-Chat Plattform Discord für 10 Mrd. US-Dollar kaufen. Warum?

Microsoft bekommt Zugang zu 140 Mio. monatlich aktiven Nutzern, die vor allem aus der für Microsoft bisher wenig erschlossenen jungen Zielgruppe stammen. Außerdem würde es sich gut in das Gaming-Geschäft von Microsoft rund um die Spielekonsole Xbox eingliedern.

📉 Risiken

Ähnlich wie bei Apple sehe ich bei Microsoft keine großen Risiken im Geschäftsmodell. Der Ertragslage ist stabil, wachsend und breit gestreut. Auch hier sind die Risiken vor allem in der eigenen operativen Umsetzung, der Konkurrenz oder aus Aktionärssicht der Bewertung.

💸 Zahlen & Bewertung

  • KUV: 13
  • KGV: 39
  • KGVe: 32
  • KCV: 29
  • Bruttomarge: 68%
  • Nettomarge: 33%
  • FCF-Marge: 30%
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 14% p.a.

Microsoft liefert basierend auf aktuellen Cashflows eine Cashflow-Rendite von ca. 3,5% p.a. Dazu kommt knapp 1% Rendite aus Dividenden und ca. 1% aus Aktienrückkäufen. Dadurch liefert Microsoft - ohne Wachstum und Bewertungsänderungen - 5,5% p.a. Rendite.

Das Wachstum ist solide, die Margen enorm stark. Auch das geringe Risiko des Geschäftsmodells scheint in der Bewertung berücksichtigt zu werden.

Fazit: FAANGM-Aktien attraktiv wie lange nicht mehr?

In meinen Augen sieht der Großteil der hier gezeigten Aktien durchaus attraktiv aus.

Aus Renditesicht scheinen vor allem Facebook und Amazon viel Potenzial zu bieten, wenn auch mit den größten regulatorischen Risiken. Gerade Apple und Microsoft sehen enorm stabil aus und haben wenig Risiken, allerdings auch das im direkten Vergleich geringste Wachstum und etwas höhere Bewertungen.

Alle Unternehmen haben außerdem noch Wachstumshebel, die ein solides und teilweise ein ziemlich großes Wachstumspotenzial bieten. Trotz ihrer Größe scheinen die Mega-Caps nicht an ihr natürliches Limit zu stoßen.

Auch durch die hohe Profitabilität der Unternehmen (mit Ausnahme von Amazon und Netflix) können die Unternehmen wachsen, aber hohe Summen auszuschütten oder durch Aktienrückkäufe an Aktionäre zurückzuführen.

Unterm Strich bleibe ich optimistisch bei diesen Aktien. Gerade, wer in Unternehmen investieren möchte, die es in 10 Jahren noch gibt, sollte hier fündig werden.

Disclaimer: Die Inhalte stellen keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlungen dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden, die du selbst prüfen musst. Es gibt keine Garantien. Ich kann selbst in besprochene Aktien investiert sein. * Bei Partnerlinks erhalte ich ggf. eine Provision.

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Ich bin Jannes, Jahrgang 1993 und Gründer von StrategyInvest. Seit 2011 investiere ich an der Börse. Damals habe ich mein VWL-Studium mit Finanzschwerpunkt erfolgreich absolviert und bin nun seit mehreren Jahren in der Digital- und Techbranche aktiv, aktuell als Product & Strategy Lead. Ich kenne daher Investieren, Technologie und Unternehmertum aus wissenschaftlicher Sicht, aber auch aus der Praxis. Die Erkenntnisse daraus teile ich hier.

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Auszug aus dem Manifest:

Regel #3: Wir suchen Qualität.

Es ist okay, in besonders günstige Aktien zu investieren. Es ist aber vor allem eine kurzfristige Strategie. Langfristig setzt sich Qualität durch, die zu einem fairen Preis gekauft wird.

„Es ist viel besser, ein wunderbares Unternehmen zu einem fairen Preis zu kaufen als ein passables Unternehmen zu einem wunderbaren Preis.“ - Warren Buffett

zum kompletten StrategyInvest Manifest »

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