von Jannes Lorenzen

GrĂŒnder, Strategie-Lead & Investor

veröffentlicht; 7. Juli 2021

In der Börsenwelt hat sich einiges getan. Heute:

Viel Spaß!

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🚀 17% Renditeerwartung: Der Expectation-Gap

Natixis hat 8.500 Investoren aus 24 LĂ€ndern befragt, welche Rendite diese ĂŒber die nĂ€chsten 5 Jahre erwarten.

Die Tabelle zeigt, welche Rendite Privatanleger erwarten (blau), welche Rendite professionelle Anleger erwarten (grau) und die Spanne dazwischen (violett).

Investoren erwarten im Durchschnitt eine Rendite von 13% pro Jahr. Die professionellen Investoren erwarten etwa 4 - 6% pro Jahr. Die Spanne betrÀgt also 7 - 9% pro Jahr, die beide Werte auseinanderliegen.

In Deutschland ist die Spanne tatsÀchlich am geringsten, was vor allem daran liegt, dass die Erwartungen der Anleger am vorsichtigsten sind.

Diese Umfrage sieht methodisch okay aus, ist aber auch - wie fast jede Umfrage - mit etwas Vorsicht zu genießen. Die Tendenzen scheinen mir nachvollziehbar.

Über den Zeitverlauf, speziell seit 2014, sind die Renditeerwartungen immer weiter von 9% auf 13% pro Jahr gestiegen.

Das verdeutlicht ein Schema: Je besser die Renditen zuletzt waren, desto höher schrauben Anleger ihre Renditeerwartungen. Die Fallhöhe wird dadurch höher. Richtiger wÀre das Gegenteil: Je teurer die AktienmÀrkte werden, desto niedriger sollte die Renditeerwartung sein.

Finanzprofessor Christopher Bloomstran zieht eine Parallele zum Jahr 1999, in welchem die Dotcom-Blase kurz bevor stand. Dort haben Anleger eine Rendite von 17% pro Jahr erwartet, kurz danach kam der Einbruch. Seitdem wurde eine nominale Rendite von 8% pro Jahr erzielt.


📊 Das ist am Aktienmarkt passiert

Die neuesten Finanzmarkt-Updates:

💬 Amazon kauft Messenger-Dienst

hat ĂŒberlegt, die Messaging-App Signal zu kaufen. Nun ist die Wahl - freiwillig oder unfreiwillig - auf einen anderen Dienst gefallen: Wickr.

Hinter Wickr steckt ein verschlĂŒsselter Nachrichtendienst, der bspw. bei den US-Regierungsbehörden beliebt ist. Also vereinfacht gesagt ein WhatsApp mit hoher Sicherheit.

Was könnten Überlegungen hinter dem Deal sein? Amazon möchte sich womöglich direkteren Kundenzugang sichern und den Messaging-Dienst enger an das eigene E-Commerce GeschĂ€ft binden. Eine andere Chance besteht darin, weitere Business-Services mit der Cloud zu verknĂŒpfen und so auch Regierungen oder andere Unternehmen mit hohen Sicherheitsanforderungen besser als Kunden gewinnen zu können.

đŸ§‘â€âš–ïž Facebook gewinnt Wettbewerbsklage

Facebook musste sich einer Wettbewerbsklage von der US-Kartellbehörde FTC stellen. Der Vorwurf: Facebook habe eine Monopolstellung auf dem Markt fĂŒr soziale Medien. 

Die FTC hat Facebook vorgeworfen Wettbewerber systematisch verfolgt und Konkurrenz durch Übernahmen von Instagram (2012) und WhatsApp (2014) frĂŒhzeitig unterbunden zu haben. Die Nutzer seien dadurch benachteiligt.

Facebook hat mit unterschiedlichen Argumenten dagegen argumentiert. U.a. mit anderen Anbietern, die auf dem Markt sind (YouTube, TikTok,...), zum anderen damit, dass bspw. Instagram zum Kaufzeitpunkt weit von der heutigen GrĂ¶ĂŸe entfernt und mehr Photo-App als soziales Netzwerk war.

Die Klage wurde nun abgewiesen. Der Richter Boasberg sagte:

"Diese Anschuldigungen - die nicht einmal eine geschĂ€tzte tatsĂ€chliche Zahl oder Bandbreite fĂŒr Facebooks Marktanteil zu irgend einem Zeitpunkt in den vergangenen zehn Jahren bieten - zeigen am Ende nicht plausibel, dass Facebook Marktmacht hat."

Bei Bekanntgabe stieg der Aktienkurs um vier bis fĂŒnf Prozent und Facebook kratzte erstmals an der 1 Bio. Dollar Marke beim Börsenwert.

💬 Kundenkommunikation ĂŒber WhatsApp wieder möglich

Facebook hat mit WhatsApp eine App mit ĂŒber 1 Mrd. Nutzern weltweit, die bisher kaum monetarisiert wird. Nun kommt Bewegung in die Sache. Basicthinking schreibt:

Als WhatsApp am 7. Dezember 2019 ankĂŒndigte, dass der proaktive, automatische Versand von WhatsApp-Nachrichten ab sofort verboten ist, war der Aufschrei groß. Schließlich bedeutete die neue Regelung de facto das Ende fĂŒr WhatsApp-Newsletter von Unternehmen.

Genau hier vollzieht der Messenger jetzt eine Kehrtwende. Unter dem Begriff der „Non-transactional Notifications“ dĂŒrfen Unternehmen jetzt wieder proaktiv informative und werbliche Nachrichten an Kund:innen verschicken.

WhatsApp wird also stĂ€rker fĂŒr Business-Zwecke positioniert, sodass Unternehmen WhatsApp in Richtung ihrer Kunden und Interessenten nutzen können. Kauferinnerungen fĂŒr Warenkorb-Abbrecher, "Wieder auf Lager" Erinnerungen, Terminbuchungen oder Produktempfehlungen werden dadurch möglich.

In jedem Fall muss in Europa der Datenschutz gewahrt werden. WhatsApp selbst möchte außerdem Spam vermeiden und schrĂ€nkt daher die Gestaltungsmöglichkeiten und Frequenzen noch ein.

Es zeigt: Bei WhatsApp und Facebook herrscht Bewegung. In naher Zukunft werde ich mir das in einer frischen Aktienanalyse genauer anschauen.

🛱 ExxonMobil hat ein Lobby-Problem

Der Ölkonzern hat es in Anbetracht der angestrebten Klimawende, bei der intensiv auf andere Energiequellen als Öl gesetzt wird, nicht leicht. Der Aktienkurs notiert etwa 40% unter dem Allzeithoch von Ende 2017.

Nun hat Greenpeace dem Konzern eine Falle gestellt. Keith McCoy, Lobbyist von Exxon, dachte, er spricht mit einem Headhunter. TatsÀchlich war es aber jemand von Greenpeace.

Dabei hat McCoy einige Dinge ausgeplaudert, die aufgezeichnet wurden und in ein schlechtes Licht rĂŒcken: Er bezeichnet die CO2-Steuer als Show, dass sie gegen wissenschaftliche Evidenz angekĂ€mpft hĂ€tten und dafĂŒr auch auf "dubiose Schattengruppen" zurĂŒckgegriffen hĂ€tten.

Ein Wortlaut:

“Did we aggressively fight against some of the science? Yes. Did we join some of these shadow groups to work against some of the early efforts? Yes. 


We were looking out for our investments. We were looking out for our shareholders.”

Alles "im Sinne der AktionÀre (Shareholder)". Ob die das genau so sehen?

👹‍👧‍👩 Shopify plant ein "Audience Network"

Es sind Screenshots aufgetaucht, die darauf hindeuten, dass die E-Commerce Software Shopify die EinfĂŒhrung eines Audience Networks plant.

Es ist nicht klar, was dahinter steckt. Es wird aber wohl um den Austausch von Daten gehen, die die Millionen Shops auf -Basis haben. Womöglich stecken Produktempfehlungen, Querverlinkungen oder effizientere Marketingmöglichkeiten (bspw. in der Shop App von Shopify) dahinter.

Ich bleibe natĂŒrlich dran. In jedem Fall zeigt es: Shopify hat noch viele Entwicklungsmöglichkeiten.

💧 Plug Power mit neuen Quartalszahlen

Eine der grĂ¶ĂŸten Wasserstoff-Hoffnungen ist Plug Power. Die Aktie macht auch in vielen Indizes zu erneuerbaren Energien einen der grĂ¶ĂŸten Anteile aus. In der Analyse war ich optimistisch fĂŒrs Wachstum, pessimistisch angesichts der knapp 20 Mrd. Dollar Bewertung. Nun gab es neue Quartalszahlen.

Die Eckdaten:

  • 71 Mio. Dollar Umsatz in Q1 (+76% ggĂŒ. Vorjahr).
  • Es wurde u.a. eine Partnerschaft mit SK Group verkĂŒndet, die gleichzeitig Investoren sind (was sich in bisherige Deals einreiht und diese etwas komplex macht, da nicht klar ist, was hier das Hauptmotiv ist).
  • Die Bruttomarge liegt im negativen Bereich bei -20%, was recht selten ist. Das heißt: Aktuell verliert mit jedem zusĂ€tzlich verkauften Produkt Geld.
  • Der Gesamtverlust ist von -31 Mio. Dollar auf -60 Mio. Dollar gestiegen.

Das Wachstum geht also weiter und Fabriken werden gebaut. Die finanziellen Zahlen (nur 71 Mio. Dollar Umsatz, daraus 60 Mio. Dollar Verlust und negative Bruttomarge) sehen immer noch schwierig aus.


🔎 Depotupdate: Zwei KĂ€ufe im Juni

Im Juni gab es zwei Updates in meinem Depot:

Zum einen habe ich die ServiceNow Aktie gekauft. Dahinter steckt ein Unternehmen, das Software zur Prozessautomatisierung und -optimierung anbietet. Die Zahlen und das GeschÀftsmodell sind ziemlich stark, weshalb ich trotz höherer Bewertung gekauft habe. Seit Kauf ist die Aktie mit 12% im Plus.

Außerdem habe ich ĂŒber einen Multi-Faktor ETF in europĂ€ische Aktien investiert. Der Hintergrund: EuropĂ€ische Aktien sind im Vergleich zu US-Aktien gĂŒnstiger bewertet, was auch dazu fĂŒhrt, dass sie in großen Indizes, die nach Börsenwert gewichten, einen recht geringen Anteil ausmachen (und die USA fast 70%). Daher habe ich hiermit etwas gegengesteuert, um das Klumpenrisiko der US-Aktien etwas zu reduzieren.

zu meinem Depot »


🛒 Quick Commerce: Lebensmittel in 10 Minuten

Gerade in GroßstĂ€dten gibt es immer mehr Dienste, die Lebensmittel in 10 Minuten liefern. Viele Unternehmen sind in kĂŒrzester Zeit zu einer Milliardenbewertung aufgestiegen, auch in Deutschland. Das entspricht schon dem Niveau einiger MDAX-Unternehmen.

Werfen wir daher einen Blick auf das "Quick Commerce" Modell, die Chancen, Probleme, relevante Unternehmen und Börseninvestments.

Wie soll das funktionieren?

Viele schauen erstmal skeptisch auf das Modell: Wie soll eine Lieferung so schnell und fĂŒr den Anbieter profitabel funktionieren?

Ob es klappt, wird sich zeigen mĂŒssen. Die These dahinter:

Kostenseitig: Die Lager können effizienter gebaut werden, da sie nicht fĂŒr Kunden optimiert sein mĂŒssen. Es wird weniger FlĂ€che als bei einem Supermarkt benötigt, was Geld spart. 

Umsatzseitig: Es gibt die Gewinnmarge der Produkte. Dazu können WerbeflĂ€chen vermarktet werden (wie Aussteller in SupermĂ€rkten). Auch eine LiefergebĂŒhr wird in der Regel erhoben. Die These: Menschen verbringen viel Zeit in SupermĂ€rkten, gerade Familien. Durch die Lieferung kann viel Zeit gespart werden. Außerdem kann durch die Geschwindigkeit der Lieferung schnell das Projekt "Haushaltseinkauf" abgehakt werden, statt mehrere Stunden zuhause sein und warten zu mĂŒssen.

Was sind Schwierigkeiten des GeschÀftsmodells?

  • Die GrĂ¶ĂŸe der Warenkörbe. Im Supermarkt werden große EinkĂ€ufe getĂ€tigt, im Quick Commerce bisher eher kleinere. Bei großen EinkĂ€ufen mĂŒssen mehr Fahrer liefern, dadurch steigen wiederum Kosten.
  • Kampf um Fahrer: Durch den Aufstieg des Quick Commerces konkurrieren die Unternehmen um die Fahrer. Das kann Lohnkosten in die Höhe treiben oder in einigen Gebieten die Mitarbeiterfindung schwierig macht.
  • Hohe Konkurrenz: Viele Anbieter drĂ€ngen auf den Markt, was einen gegenseitigen Kampf um Margen und durch Marketing-Budgets bedeutet.

Was sind die relevanten Unternehmen?

  • & JustEat Take Away: Die Restaurant-Lieferdienste haben eine bestehende Infrastruktur an Fahrern, steigen aber auch stĂ€rker in den Quick Commerce Bereich ein. Beide Unternehmen sind börsennotiert.
  • Gorillas, Flink und weitere: Lieferdienste, die Lebensmittel und Produkte des tĂ€glichen Bedarfs in der Regel in 10 Minuten liefern.
  • Picnic: Ein Dienst aus der Niederlande, der vor allem in KleinstĂ€dten aktiv ist und auf selbst gebaute Transporter setzt.
  • Flaschenpost & Durstexpress: In erster Linie GetrĂ€nkelieferdienste, die beide mittlerweile zu Dr. Oetker gehören, mittlerweile neben GetrĂ€nken noch weitere Produkte liefern.

💭 Börsenweisheit des Tages

"Wenn man billig einkauft, muss man Geduld mitbringen und abwarten, bis der Markt einem zustimmt." - Benjamin Graham

✌ Das war es mit dem heutigen Briefing. Danke, dass du dabei bist!

Die Inhalte stellen keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden. Vor jeder Investition solltest du selbst Chancen und Risiken prĂŒfen.

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Ich bin Jannes, GrĂŒnder von StrategyInvest. Seit 2011 investiere ich an der Börse, seit 2013 teile ich Erfahrungen und Wissen mit Anlegern. Daneben habe ich mein VWL-Studium mit Finanzschwerpunkt erfolgreich absolviert und bin seit mehreren Jahren in der Digital- und Techbranche unterwegs, aktuell als Product & Strategy Lead. Ich kenne daher das Investieren, Unternehmen und Unternehmertum aus wissenschaftlicher Sicht und aus der Praxis. Hier teile ich Analysen, Wissen & Anlageentscheidungen mit dir.

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Auszug aus dem Manifest:

Regel #10: Wir sind uns einig, uneinig zu sein.

Es gibt unzÀhlige unterschiedliche Meinungen an der Börse und zu einzelnen Aktien. Und das ist völlig okay. Wir sehen andere Meinungen nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung. "Agree to disagree".

zum kompletten StrategyInvest Manifest »

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