Jannes Lorenzen

veröffentlicht; 27. Juni 2021

Biontech ist eine der großen Börsengeschichten seit der Corona-Pandemie: Durch die Entwicklung des Corona-Impfstoffs hat Biontech viele Menschen geschützt, aber geschäftlich eine große Chance genutzt und erheblich an Reputation gewonnen. Es ist heute auf Platz 13 der größten Unternehmen der Pharma-Branche, obwohl es vor ein paar Jahren noch nahezu komplett unbekannt war.

Was bedeutet das nun langfristig für die Aktie? Ist das nur der Auftakt für das, was Biontech in Zukunft im Gesundheitsmarkt leisten kann?

Ich sehe drei Gründe, warum die Aktie aktuell spannend ist:

  1. Der Erfolg mit dem Impfstoff verspricht auch über die nächsten Jahre noch kontinuierliche Erlöse (schätzungsweise über 20 Mrd. Euro)
  2. Großer Reputationsgewinn, durch den neue Entwicklungen, Innovationen, Gelder, Partner und Mitarbeiter einfacher gewonnen werden können
  3. Biotechnologie als spannendes Geschäftsmodell, das sich vielen großen Gesundheitsproblemen (Covid, Krebs, seltene Erkrankungen) annimmt

Mehr als genug Gründe also, dass wir uns die Aktie genauer anschauen und herausfinden, ob sich eine Investition aktuell lohnen könnte und was die Zukunft für Biontech bereit hält.

Die operativen Zahlen sind durch den Impfstoff-Erfolg stark schwankend, was die Bewertung komplexer macht. Probieren wir es trotzdem, indem wir die Chancen und Risiken abwägen.

Dabei erfährst du, wie das Geschäftsmodell funktioniert und wie gut es ist, woraus der Burggraben wirklich besteht, wer die Konkurrenten sind und ob die Aktie heute attraktiv bewertet ist oder nicht. Viel Spaß!

Überblick: Das steckt hinter Biontech

Das Unternehmen

Biontech wurde 2008 gegründet. Seit 2019 ist es an der Börse notiert. Der Sitz ist in Mainz in Deutschland, die Börsennotierung erfolgte am Nasdaq in den USA.

CEO ist Uğur Şahin, der 2008 Biontech mit seiner Ehefrau gegründet hat, die aktuell Marketingchefin im Unternehmen ist.

Produkt & Geschäftsmodell

Startpunkt für Biontech war die Erforschung von Krebsimmuntherapien. Das Ergebnis daraus waren Patente und Technologieplattformen in diesem Bereich. Mittlerweile ist Biontech auch in die Bekämpfung von Infektionskranheiten und die Impfstoff-Entwicklung für die Corona-Pandemie eingestiegen.

Die eigene Vision umschreibt Biontech so:

Harnessing the immune system’s full potential to fight human disease.

Biontech setzt auf Immuntherapien, also auf Methoden, die das körpereigene System zur Abwehr von Krankheiten, speziell von Krebs, nutzen. Biontech spricht von der „Immuntherapie der nächsten Generation“.

Es möchte:

  • ein vollständig-integriertes biomeditinisches Unternehmen bauen
  • Immuntherapien für Krebs und weitere Krankheiten entwickeln
  • breit auf die neuesten Technologien setzen
  • mit anderen Marktführern kooperieren

Ganz zentral setzt Biontech dabei auf mRNA Technologie, die auch maßgebend für den Covid-19-Impfstoff ist.

Dabei möchte Biontech in naher Zukunft weitere Impfungen auf mRNA Basis entwickeln. Langfristig werden autoimmun Krankheiten, Allergien, Entzündungen und mehr anvisiert.

Was steckt eigentlich hinter „mRNA“?

Diese Technologie ist recht neu, setzt aber auf bewährten Prinzipien auf. Vereinfacht: Bei einer mRNA-Impfung soll das Immunsystem des Körpers so gestärkt werden, dass es sich eigenständig gegen Erreger schützen kann.

Herkömmliche Impfungen setzen tote Erreger oder Bestandteile eines Erregers in einen Körper ein, wodurch das geschieht. Der mRNA-Impfstoff gibt dem Körper viel mehr den Bauplan, um selbst Antikörper zu entwickeln (und nicht Bestandteile des Erregers selbst). Die mRNA ist dieser Bauplan.

Im Vorteil soll diese Technologie zum einen in der Genauigkeit, zum anderen in der Geschwindigkeit sein, mit der diese Therapien angewandt werden können.

Aktienkurs

Der Aktienkurs hat sich über die letzten Jahre stark entwickelt, gerade seit der Verkündung, dass der Impfstoff bereit steht:

Factsheet

Factsheet

Alle Zahlen, sofern nicht anders angegeben, in der jeweiligen Heimatwährung und TTM (= letzte 12 Monate). Zusatz ‚e‘ = erwartet.

Die Eckdaten

  • Land: Deutschland
  • Branche: Biotechnologie
  • Marktkapitalisierung: 50 Mrd. USD
  • Umsatz: 2,5 Mrd. EUR
  • Gewinn: 1,2 Mrd. USD
  • Free Cashflow: -0,4 Mrd. USD

Bewertung

  • KUV: 18
  • KGV: 38
  • KGVe: 6
  • KCV: –
  • PEG-Ratio: 0,1

Qualität & Wachstum

  • Verschuldungsgrad: 10 %
  • Bruttomarge: 89 %
  • Nettomarge: 48 %
  • Umsatzwachstum (letzte 3 Jahre): 100 % p.a.

Schauen wir uns nun an, was hinter diesen Zahlen steckt.

Business Breakdown: Geschäftsmodell analysiert

Schauen wir uns einmal an, wie das Geschäftsmodell aussieht.

Unternehmensentwicklung

Biontechs Umsätze (in Euro) haben sich wie folgt entwickelt:

  • 2017: 0,06 Mrd.
  • 2018: 0,13 Mrd.
  • 2019: 0,11 Mrd.
  • 2020: 0,48 Mrd.
  • TTM: 2,5 Mrd.

Die hohe Schwankungsbreite fällt direkt auf. Auf 2019 ist der Umsatz sogar leicht gesunken. In den letzten 12 Monaten hat vor allem der Corona-Impfstoff die Erträge gesteigert.

So lag allein in Q1 2021 der Umsatz bei über 2 Mrd. Euro. Im Quartal des Vorjahres lag der Umsatz bei 28 Mio. Euro, also nur 1,4% (!) von dem aktuellsten Quartal.

In Q1 2021 war Biontech mit 1,66 Mrd. Euro sehr profitabel, im Vorjahr stand noch ein Verlust von 60 Mio. Euro zu Buche. Auch die Ausgaben wurden erhöht: In Q1 ’21 flossen etwa 200 Mio. Euro in Forschung & Entwicklung.

Der Erfolg mit dem Corona-Impfstoff

Der Gesellschaft ist Biontech vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie ein Begriff. Im Projekt Lightspeed hat Biontech sich entschlossen einen Covid-Impfstoff zu entwickeln. Die letztendlich Produktion wurde dabei von Pfizer übernommen.

Erste Tests gab es im April 2020. Im November 2020 wurde verkündet, dass der Impfstoff eine Wirksamkeit von über 95% hat. Im Dezember folgte der Antrag auf Zulassung. Seit Ende Dezember 2020 wird der Impfstoff offiziell vertrieben.

Schauen wir uns die eben gezeigten Umsätze genauer an. Nahezu der komplette Umsatz (99,4%) entstammt dem Corona-Impfstoff.

Wie verdient das Unternehmen Geld?

Schauen wir grundlegender auf das Geschäftsmodell von Biontech und die Mechanismen, die im Biotechnologie-Bereich wirken.

Grundlegend ist das Geschäftsmodell eine Wette auf einzelne Erfolge durch Medikamente und Therapien, die die hohen Forschungsausgaben (auch von den nicht-erfolgreichen Forschungen) refinanzieren können.

Die Entwicklung solcher Medikamente und Therapien ist langwierig: Von einer anfänglichen These müssen erste Lösungen entwickelt werden, die dann wiederum getestet werden müssen. Diese Testzeiträume sollen sicherstellen, dass (a) eine Wirkung besteht und (b) keine ungewünschten Nebenwirkungen auftreten.

Je nach öffentlichem Interesse und Eindeutigkeit der Studien kann ein Medikament auf den Markt kommen und Anwendung in der Medizin finden. Durch Patente sind die Therapien und Medikamente kurz- und mittelfristig geschützt.

Biontech hat gerade 14 mögliche neue Produkte in 15 laufenden klinischen Studien:

  • 8 Produkte im Bereich mRNA
  • 2 Produkte im Bereich Zelltherapie
  • 3 Produkte im Bereich Antikörper
  • 1 Produkt im Bereich „Small Molecule Immunomodulators“

Dazu kommen weitere Produkte, die noch im „Early-stage“ Bereich sind und zu denen klinische Studien starten sollen.

Im Bereich der Infektionskrankheiten ist der Covid-19 Impfstoff bereits am Markt. Ein weiterer ist in Phase 1, die anderen (gegen Tuberkulose oder HIV) noch in der frühesten Phase.

Entwicklung des Pharma-Marktes

Es gibt fünf wesentliche Entwicklungen, die den Pharma-Markt im Bereich der Entwicklung neuer Therapien und Medikamente bewegen:

  • Lange Entwicklungszyklen: Von der Entwicklung über Tests bis zur Markteinführung vergehen oft viele Jahre. U.a. durch mRNA Technologie werden sich kürzere Entwicklungszyklen erhofft, die sich auch in der Corona-Pandemie bestätigt haben.
  • Alt vs. neu: Es gibt einige ältere Pharma-Konzerne (Roche, Pfizer, Bayer), die von neuen (Biontech, Moderna) aufgemischt werden.
  • Big Data & KI: Durch höhere Rechenleistung und mehr verfügbare Daten bekommt auch der IT & Data-Teil in der Entwicklung eine größere Bedeutung und kann Entwicklungszyklen beschleunigen.
  • Alternde Gesellschaft: Eine immer älter werdende Gesellschaft in Industrienationen führt dazu, dass mehr Krankheiten auftreten. Dadurch gibt es mehr Nachfrage nach Medikamenten und Therapien gegen diese Krankheiten.
  • Höhere Ausgaben: Laut einer Studie von Deloitte rechnen 63% der CEOs in der Pharmabranche über die nächsten 5 Jahre mit höheren Ausgaben.
  • Es braucht Homeruns: Viele Entwicklungen und Studien starten, aber nur wenige erreichen die Marktreife und ein Umsatz- und Gewinnniveau, das die andere Forschung querfinanziert.

Während „normale“ Geschäftsmodelle aufeinander aufbauen, bestehende Produkte weiterentwickeln und neue dazu nehmen, sieht es im Biotech-Bereich anders aus: Es gibt wenige „Produkte“, die eine begrenzte Lebensdauer haben (bspw. durch Patentfreigabe begrenzt) und durch neue Produkte ersetzt und aufgefangen werden müssen.

Die Umsätze nach Produkt (im Fall von Biontech sind das Therapien und Medikamente, bspw. die blaue Linie als Covid-Impfstoff) schematisch dargestellt:

Bewertung des Geschäftsmodells

Wie schneidet das Unternehmen in der Geschäftsmodell-Bewertung der Scorecard ab?

Geschäftsmodell-Bewertung

Wiederkehrende Umsätze mit Lock-In

Erlöse sind teilweise wiederkehrend, da die meisten Medikamente und Therapien (a) dauerhaft oder wiederholt angewandt werden und (b) Krankheiten immer wieder auftauchen. Allerdings können Krankheiten langfristig weniger werden, andere Behandlungsmöglichkeiten auftauchen oder Patente freigegeben werden, sodass es neue Innovationen braucht. 

Netzwerkeffekte

Die Netzwerkeffekte sind sehr gering. Am ehesten gibt es sie, wenn durch eine höhere Nutzungszahl von Therapien schneller eine breite Datenbasis entsteht – was allerdings erst nach der Zulassung passiert. Daher in Summe geringe Netzwerkeffekte.

Skaleneffekte (Economies of Scale)

Skaleneffekte sind vorhanden: Je größer Biontech wird, desto einfacher gelingt eine Finanzierung und eine breit diversifizierte Produktpalette.

Proprietäre Technologie

Biontech hat eine eigene Therapie, die in den Patenten steckt. Der Entwicklungsprozess ist aus meiner laienhaften Sicht allerdings nicht einzigartig, sondern kann auch von anderen Unternehmen aus dem Biotech-Sektor so angewandt werden. Es herrscht also bei der neuen Entwicklung immer noch ein Konkurrenzkampf mit ähnlichen Mitteln.

Marke (Branding)

Biontech hat durch den jüngsten Erfolg eine starke Marke aufgebaut. Diese kann überall helfen: Bessere Finanzierungskonditionen, Vertrauen von Partnern, Mitarbeitergewinnung, Zugang zu Politik und Wissenschaft.

Geschäftsmodell-Bewertung: 17 / 25

Zukunft: Burggraben, Strategie & Wachstumsperspektiven

Bevor wir gleich in die SWOT-Analyse gehen, schauen wir in die Zukunft. Wie sieht die Strategie aus? Wie ist die Konkurrenzsituation und der eigene Burggraben gegenüber der Konkurrenz? Welche Wachstumsperspektiven gibt es?

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Tags: Biontech

Die Inhalte stellen keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden, derer du dir vorher bewusst sein musst.

Für deinen Wissensaufbau: Glossar (mit Begriffserklärungen) | Videokurs | How To: Aktien bewerten

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Auszug aus dem Manifest:

Regel #18: Wir bleiben.

Aktienkäufe werden auch mal schief gehen und Aktienmärkte werden auch mal fallen. Ob es uns gefällt oder nicht: Wir rechnen damit. Wir können nachkaufen. Wir können auch nichts tun. Aber: Wir bleiben dabei. 

zum kompletten StrategyInvest Manifest »

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