von Jannes Lorenzen

Gründer, Strategie-Lead & Investor

veröffentlicht: 2. Januar 2023

Die hat ein langweiliges Geschäftsmodell, das aber gerade wieder Aufwind hat. Einerseits durch stabile Gewinne in unsicheren Zeiten, andererseits durch Chancen der Zinswende und eine Bewertung unter dem Marktdurchschnitt inklusive hoher Ausschüttung an Aktionäre.

  • 🏦 Zinsanstieg: Die Null- und Negativzinsphase hat gerade die Versicherer getroffen, die dadurch Kapital kaum verzinst anlegen und einige Versicherungsprodukte nur wenig attraktiv vermarkten konnten. Die Zinsen sind zuletzt deutlich gestiegen, was Chancen für Versicherer bietet.
  • 📈 Zeitloses Geschäftsmodell: Versicherungen sind ein etabliertes Geschäft, das auch in Zukunft in unterschiedlichsten Ausprägungen benötigt wird.
  • 💰 Dividenden: Etwa 5% Dividendenrendite zahlt die Allianz, damit eine der höchsten im DAX. Dabei ist die Ausschüttungsquote mit ~60% im gesunden Bereich.
  • 🔥 Interne Probleme: Sowohl die kommunizierte Strategie als auch ein internes Video zeigen, dass es im Konzern knirscht.

Du erfährst in dieser Analyse, ob sich eine Investition lohnen könnte, ob die Aktie überbewertet ist oder man die Aktie jetzt kaufen kann, um langfristig zu profitieren. Konkret geht es um:

  • Wie funktioniert das Geschäftsmodell wirklich? Gibt es einen dauerhaft beständigen Burggraben?
  • Zahlencheck: Wie entwickeln sich Erträge und Profitabilität?
  • Wie sieht die Zukunft und die eigene Strategie aus?
  • Gegenüberstellung der Stärken, Schwächen, Chancen & Risiken
  • Berechnung der konkreten Renditeerwartung und historischer Bewertungsvergleich

Die Analyse beruht auf aktuellsten Kennzahlen, dem Jahresbericht, der Investorenpräsentation, den letzten Earnings Calls, Einschätzungen von Marktexperten, Interviews der Führungsebene und mehr. Viel Spaß!

More...

Überblick & Investment-These

Die Allianz SE hat den Sitz in München und ist einer der weltweit größten Versicherer. Gegründet wurde es 1890, CEO ist seit 2015 Oliver Bäte.

Der Aktienkurs hat sich über die letzten Jahre stark entwickelt, auch wenn die Allianz noch unter den Aktienkursen rund um die Jahrtausendwende notiert. Die Allianz hat immer recht hohe Dividenden ausgeschüttet, das darf bei einer Renditebetrachtung nicht außer Acht gelassen werden.

Die Investment-These, die es hier zu prüfen gilt:

Investment-These

Die Allianz hat ein stabiles Geschäftsmodell, schüttet kontinuierlich Geld aus (~5% Dividendenrendite) und ist leicht unter dem Marktdurchschnitt bewertet. Die Erträge durch Investieren des verwalteten Gelds können durch das höhere Zinsniveau steigen und die Aktie davon profitieren.

Geschäftsmodell, Markt & Burggraben

Schauen wir uns einmal an, wie das Geschäftsmodell aussieht. Außerdem: Wie sieht die Strategie aus? Wie ist die Konkurrenzsituation und der eigene Burggraben gegenüber der Konkurrenz? Welche Wachstumsperspektiven gibt es?

Vieles davon beruht auf dem Geschäftsbericht 2021, dem Investor Starter Kit, der Präsentation vom Capital Markets Day 2021 und den aktuellsten Quartalsergebnissen.

Geschäftsmodell

Das Versichertengeschäft hat eine offensichtliche und eine verstecktere Geschäftslogik.

Primär geht es darum, das Geld von mehreren Versicherten für einen bestimmten Versicherungsfall (Haftpflicht, KFZ, Lebensversicherung,...) einzusammeln und es beim Eintrittsfall an Betroffene auszuschütten. Es muss insgesamt mehr eingesammelt als ausgeschüttet werden. Die Differenz ist die Bruttomarge des Versicherers, von dem die eigenen Kosten bezahlt werden.

Die Allianz unterteilt das in zwei große Segmente: Schaden- und Unfallversicherung (P/C) sowie Lebens- und Krankenversicherung (L/H).

Oft arbeiten Versicherer auch mit Rückversicherern zusammen (bspw. Munich Re oder Hannover Rück). Diese versichern größere Schäden, sind letztendlich "Versicherer für Versicherer".

Darüber hinaus gibt es aber einen weiteren Aspekt. Denn das Geld, das eingesammelt wird, bietet dem Versicherer Chancen damit zu arbeiten und eine Rendite zu erzielen. Dabei steht Sicherheit an erster Stelle, da nie die Versicherungsauszahlung gefährdet sein sollte.

Darüber hinaus hat die Allianz im Segment Asset Management die eigenen Aktiväten in der Vermögensverwaltung und -anlage gebündelt, was aktiv gemanagte Fonds darstellt.

Schauen wir dafür auf die Zahlen aus dem P/C Geschäft in 2021: Als "Underwriting Result", also Überschuss aus dem Versicherungsgeschäft, standen 3 Mrd. Euro zu Buche. Das "Investment Result", also Rendite aus der Kapitalanlage, waren zusätzliche 2,6 Mrd. Euro.

Entwicklung über letzte Jahre

Die Versicherungswelt und auch die Allianz ist in den letzten zehn Jahren ziemlich herausgefordert worden. Einerseits gab es große Schäden, bei denen Versicherungen einspringen mussten (Hurricanes in den USA, Covid-Pandemie und die Flutkatastrophe in Deutschland). Andererseits war die Eurozone etwa seit 2016 in der Nullzinspolitik, was gerade die Investitionen von Allianz betrifft.

Schauen wir exemplarisch auf das Investment Portfolio in 2021 sehen wir das Dilemma: 83% sind allein in Schuldinstrumente, also bspw. Anleihen, mit hoher Bonität investiert. Diese brachten wenig Rendite und machten das Verkaufen von Lebensversicherungen schwieriger.

Allianz hat sich trotzdem gut geschlagen. Nach der Kennzahl "Economic value added" (Eigenkapitalrendite abzüglich Eigenkapitalkosten multipliziert mit dem Buchwert) konnte Allianz sich weiter verbessern. Gleichzeitig beobachtet es eine stärkere Spreizung der Versicherungsunternehmen. Laut der Allianz gewinnen zwei Arten von Versichereren:

  1. Fokussierte Unternehmen mit marktführenden Positionen in lokalen Märkten
  2. Globale Unternehmen, die ihre Skaleneffekte nutzen

Die These halte ich für durchaus logisch. Die Allianz gehört in die 2. Gruppe.

Dazu schreibt sich die Allianz in vielen Bereichen auf die Fahne die Nummer 1 zu sein. Das zeigt definitiv die Skaleneffekte, die Allianz hat, aber auch die starke Markenbekanntheit (laut Interbrand-Analyse) und, zusammen mit drei anderen Versicherern, das beste Bonitätsrating.

Vergleich zu anderen Versicherungsaktien

Es ist sehr schwer, im Versicherungsmarkt zu ermitteln, welches der größeren Unternehmen relativ gesehen am besten positioniert ist. Die Geschäftsmodelle sind prinzipiell austauschbar und viele relative Vorteile eingepreist. Daher ein kurzer Vergleich zu anderen Versicherungsunternehmen:

Header

Allianz

AXA

Zurich Insurance

Munich Re

Börsenwert (EUR)

83 Mrd.

50 Mrd.

70 Mrd.

42 Mrd.

KUV

0,7

0,6

1,5

0,6

KGV

12

8,5

15

15

KGVe

8,5

8

12

11

Dividendenrendite

5,3%

4,2%

5%

2,7%

Nettomarge

6%

7%

10%

4%

Umsatzwachstum

5% p.a.

3% p.a.

14% p.a.

7% p.a.

Erw. Umsatzwachstum

2% p.a.

5% p.a.

5% p.a.

6% p.a.

Die Allianz bewegt sich bei den Margen und dem Wachstum im Durchschnitt, die Bewertung ist eher günstig, die Dividendenrendite dadurch führend. Basierend auf der günstigeren Bewertung und der höheren Wachstumserwartung sieht auch AXA attraktiv aus.

Achtung: AXA sitzt in Frankreich, wo eine doppelte Besteuerung der Dividende droht. Über einen aufwendigeren Prozess oder eine Vorabbefreiung kann sich die zu viel gezahlte Dividende aus Frankreich zurückgeholt werden. Oft lohnen sich die Kosten dafür nicht. Schätzungsweise gehen dadurch 12,2% der Dividende und damit ~0,4% der jährlichen Rendite verloren.

Sind die Skaleneffekte eine Illusion?

Im November 2022 gab es einen unangenehmen Bericht für die Allianz in der WirtschaftsWoche (Paywall).

Dort wird ein Video beschrieben, in welchem CEO Oliver Bäte über ein Strategietreffen der 200 wichtigsten Manager der Allianz berichtet. Darin trifft er laut WiWo unterschiedliche, aber viele kritische Äußerungen:

  • Die Produkte seien fantastisch
  • Die IT bestehe aus viel "altem Crap", der mühselig mit neuen Systemen verbunden werden müsse, was extrem kostspielig ist und das Erzielen von Skaleneffekten behindern
  • In den letzten 8 - 10 Jahren hatte die IT seiner Meinung nach eine falsche IT-Strategie, bei der versucht wurde, allumfassende Systeme zu entwickeln
  • Die Allianz müsse mehr Manager einstellen, die gut darin sind Dinge zu erledigen, statt nur darüber zu reden
  • Er möchte keine anonymen Fragen beantworten

Die Aussagen vermitteln das Bild eines Konzerns, der noch mitten in einer technologischen Transformation steckt und erst dann wirklich die Skaleneffekte in vollem Umfang realisieren kann. Auf der anderen Seite: Es ist ein Bild, das sich wohl bei vielen DAX-Konzernen so zeichnen ließe.

Einerseits ist es sympathisch, dass ein Manager sich traut die Probleme zu benennen und sie nicht beschönigt. Andererseits ist Oliver Bäte selbst seit 7 Jahren CEO und seit 14 Jahren bei Allianz, hätte also einiges davon zum Positiven verändern können.

Burggraben & Geschäftsmodell-Bewertung

Ein starkes Geschäftsmodell ermöglicht Wachstum, einen Burggraben und damit Differenzierbarkeit von der Konkurrenz, höhere Gewinnmargen und Preismacht.

Wie schneidet das Unternehmen in der Geschäftsmodell-Bewertung der Scorecard ab? Tiefergehende Erklärungen zu den Kriterien gibt's hier und hier.

Geschäftsmodell-Bewertung

Wiederkehrende Umsätze mit Lock-In

Wird wiederkehrender Umsatz mit hohen Wechselkosten erzielt?

Die Umsätze sind stark gesichert. Die meisten Versicherungen werden regelmäßig bezahlt und nur selten gewechselt. Einige davon sind aber theoretisch schnell und einfach wechselbar.


Netzwerkeffekte

Wird das Produkt besser, je mehr Kunden es nutzen?

Keine.


Skaleneffekte (Economies of Scale)

Wird das Geschäftsmodell mit zunehmender Größe widerstandsfähiger? Wachsen Umsätze stärker als Kosten?

Stark ausgeprägt. Die Allianz ist sehr groß und diese Größe ist zwingend erforderlich, um in der Breite Versicherungsprodukte anbieten zu können.


Proprietäre Technologie

Besitzt das Unternehmen eigene Technologie oder Patente, die nicht einfach kopiert werden können?

Ich gehe davon aus, dass es nur geringfügige technische Unterschiede und Fähigkeiten zwischen den Versicherern gibt.


Marke (Branding)

Hat das Unternehmen eine starke Marke, die das Geschäftsmodell nach vorne bringt?

Die Allianz ist eine der bekanntesten Marken, renommiert und signalisiert Vertrauen. Allerdings wird die Marke ein vorteilhaftes, kein alleiniges Abschlusskriterium einer Versicherung sein.


Geschäftsmodell-Bewertung: 15 / 25

Zahlencheck

Ertragsentwicklung & Wachstum

Der Umsatz ist seit 2017 etwa mit 4% pro Jahr gewachsen, der operative Gewinn mit 5% pro Jahr.

Der operative Gewinn zwischen den beiden Versicherungssegmenten ist etwa gleich verteilt. 25% des operativen Gewinns stammen aus dem Asset Management.

Die wichtigsten Regionen sind die USA, Deutschland und Europa mit je ~25% Anteil am operativen Gewinn.

Aktuellste Quartalszahlen

Im letzten Quartal konnte der Umsatz um 1%, das operative Ergebnis um 7% gesteigert werden. In den ersten 9 Monaten 2022 liegt das Umsatzwachstum damit bei 5%, das vom operativen Ergebnis bei 3%.

In den Zahlen von 2022 steckt auch ein Sondereffekt, der das Ergebnis um 4,7 Mrd. Euro drückt (und damit das KGV optisch verteuert). Dahinter stecken Rücklagen aufgrund von Verfahren im Zuge von Fonds, die mit falschen Versprechungen in den USA vermarktet wurden, das im Mai 2022 beigelegt wurde.

Außerdem wurde der Ausblick bestätigt und ein neues Aktienrückkaufprogramm von bis zu 1 Mrd. Euro und damit in eher kleinem Umfang angekündigt.

Kapitalmanagement

Von 24 Mrd. Euro Überschuss in den Jahren von 2019 bis 2021 hat Allianz etwa die Hälfte als Dividenden ausgeschüttet. 4 Mrd. Euro wurden in organisches Wachstum reinvestiert, 3 Mrd. Euro in Aktienrückkäufe gesteckt und 5 Mrd. Euro in inorganische Wachstumsaktivitäten (u.a. Akquisitionen) gesteckt.

Damit liegt die Ausschüttugsquote (inkl. Aktienrückkäufe) bei ~63%. Die Dividendenrendite liegt heute bei ~5%.

Bonität

Die Allianz genießt bei den Ratingagenturen durchgehend sehr gute Bewertungen mit einem positiven und stabilen Ausblick. 

Speziell im Versicherungsbereich schauen Behörden auf die Kapitalausstattung, um Ausfälle zu vermeiden. Die Allianz bietet aktuell über 200 Prozent der Kapitalanforderung.

Außerdem wird kalkuliert, wie sich die Deckung der Kapitalanforderung bei negativen Szenarien am Kapitalmarkt entwickeln würde. Selbst in einem für die Allianz ungünstigen Szenario, einer Kombination aus fallenden Aktienmärkten, zurückgehenden Zinsen und steigenden Credit Swaps, wäre die Kapitalforderung laut Geschäftsbericht 2021 noch deutlich erfüllt.

Factsheet

Factsheet

TTM (= letzte 12 Monate). 3J = 3-Jahres-Durchschnitt. 'e' = erwartet. 'YoY' = im Jahresvergleich.

Die Eckdaten

  • Land: Deutschland
  • Branche: Versicherung
  • Marktkapitalisierung: 82 Mrd. EUR
  • Umsatz: 120 Mrd. EUR
  • Ergebnis: 7 Mrd. EUR (ca. -5 Mrd. Euro Sondereffekt)

Bewertung

  • KUV: 0,7
  • KGV: 12
  • KGVe: 8,5
  • PEG-Ratio: 0,6

Qualität & Wachstum

  • Operative Marge: 9%
  • Nettomarge: 6%
  • Umsatzwachstum: 3% p.a.

Zukunft & Strategie

Transformation

Die Allianz hat im Kern ein zeitloses Geschäftsmodell, das keine ruckartigen Strategieewechsel beinhaltet.

Das, was Allianz als aktuell laufende Transformation des Geschäftsmodells bezeichnet, ist in meinen Augen eine Schärfung und Fokussierung einiger Bereiche. Konkret werden drei Punkte genannt:

  1. Vereinfachung: Es soll weniger, dafür intuitivere Produkte geben und negative Überraschungen vermieden werden.
  2. Digitalisierung: Ausbau von Daten und Analytics und problemlose Prozesse ohne alte Systeme.
  3. Skalierbarkeit: Produkte und Prozesse sollen harmonisiert werden, dadurch Kosten- und Umsatzsynergien gehoben werden.

Finanzielle Ziele & Strategie

An anderer Stelle wagt Allianz noch mehr den Blick in die Zukunft. Angepeilt werden 5 - 7% jährliches Wachstum beim Gewinn pro Aktie, die primär aus einer Steigerung des operativen Gewinns und sekundär einer Optimierung des Kapitalmanagements entstehen sollen.

An anderer Stelle wird es noch genauer aufgegliedert, demnach soll es 3 - 4% Umsatzwachstum geben, 1 - 2% Margenwachstum und die erwähnte Steigerung der Kapitaleffizienz.

Dafür gibt es fünf - in meinen Augen eher allgemein gehaltene - Hebel, die an unterschiedlichen Stellen ansetzen:

  1. Das Geschäft mit Lebens- und Krankenversicherungen transformieren
  2. Die Marktführerschaft bei Unfall- und Schadensversicherungen ausbauen
  3. Wachstum anfeuern durch skalierbare Plattformen (bspw. spezialisierte Angebot im Hintergrund)
  4. Vertikalisierung der Wertschöpfungskette
  5. Kapitalproduktivität und -resilienz erhöhen

Um ehrlich zu sein: Für mich klingt das vor allem nach normaler Unternehmensstrategie und kontinuierlicher Weiterentwicklung, keinen einmaligen Wachstumsschüben.

Was bedeutet die Zinswende für die Allianz?

In nur einem Jahr wurden die Zinsen in den USA und Europa massiv erhöht. Sichere europäische Staatsanleihen, die damals noch eine Negativrendite lieferten, liegen nun bei ~2% pro Jahr.

Das sind Anlagen, die auch für die Allianz interessant sind. Allein daraus kann also eine Mehrrendite von aktuell knapp 3 Prozentpunkten pro Jahr resultieren, wobei diese auch an Kunden (also bspw. Anleger in Lebensversicherungen) weitergereicht werden. Aber auch das ist gut, da es die Attraktivität solcher Produkte erhöht und damit das Umsatzwachstum unterstützt.

Kurzfristig bedeutet es aber durchaus Gegenwind: Steigende Zinsen führen zu fallenden Anleihenkursen, sodass der Marktwert der Investitionen der Allianz dadurch negativ betroffen ist bzw. in den letzten Quartalen war.

Steigende Zinsen können auch ein Hedge sein: Normalerweise fallen Aktien dann, da Allianz davon eher profitiert, könnte die Aktie bei weiteren Zinsanstiegen relativ stabil bleiben.

Insgesamt sind die schnellen Zinsanstiege, die wir gerade erleben, für Aktien schwierig, Allianz könnte aber fundamental und in der Folge auch am Aktienmarkt davon profitieren.

SWOT-Analyse: Stärken, Schwächen, Chancen & Risiken

Bewerten wir nun das Geschäftsmodell und schauen auf die Stärken, Schwächen, Chancen und Bedrohungen.

Stärken

Fassen wir die Stärken zusammen, die wir im Geschäftsmodell identifizieren konnten.

  • Sehr gutes und marktführendes Bonitätsrating
  • Zeitloses Geschäftsmodell
  • Guter Burggraben, der zwar nicht aus einem einzigartigen Produkt entsteht, aber durch wiederkehrende Umsätze, Skaleneffekte und eine starke Marke im Versicherungsmarkt
  • Kontinuierlich profitabel: In jedem der letzten 10 Jahre, obwohl darunter schwierige Marktbedingungen waren, war die Allianz profitabel.

Schwächen

Wo Licht ist, ist meist auch Schatten. Fassen wir die Schwachstellen des Unternehmens zusammen.

  • Interne Dokumente zeugen eher von Problemen und nicht so stark ausgeprägten Skaleneffekten wie gewünscht.
  • Transformation: Nicht nur die internen Dokumente, sondern auch die eigene Strategie zeigt, dass der Konzern sich gerade umbauen muss. Er soll digitaler werden, Prozesse "problemlos" laufen und Produkte wie Prozesse sollen vereinfacht werden. Das kostet Zeit und Geld.

Chancen

Wo liegen die Chancen für das Unternehmen, um zu wachsen und den Unternehmenswert zu steigern?

  • Steigendes Zinsniveau erlaubt mittel- und langfristig mehr Rendite, attraktivere Vermarktung einiger Versicherungsprodukte und als eine der wenigen Aktien ein Profiteur bei unerwarteten Zinsanstiegen zu sein
  • Digitale Transformation tut weh, birgt aber Chancen. Offenbar hat Allianz hier noch einiges zu tun. Fortschritte können hier aber bedeuten, dass effizienter gearbeitet und wohl vor allem auf der Kostenseite Einsparungen realisiert werden könnten.
  • Unsichere Zeiten bergen auch für Versicherer Risiken, aber noch mehr Chancen. Denn Versicherungen werden gerade in Fällen der Unsicherheit benötigt, die durch Krieg oder Klimawandel (leider) entstehen.

Bedrohungen

Es gibt bei jedem Unternehmen Risiken wie eine schwächelnde Wirtschaft, operative Fehlentscheidungen, politische Eingriffe und andere. Hier geht's nun viel mehr darum: Was könnte speziell das hier gezeigte Geschäftsmodell gefährden oder das Wachstum hemmen?

  • Reputationsrisiko: Kaum ein Unternehmen braucht Reputation und das Ausstrahlen von Sicherheit wie ein Versicherer. Größere Skandale können dies dauerhaft beschädigen, auch das im Mai 2022 beigelegte Verfahren war dadurch ziemlich unerfreulich.
  • Inflationsrisiko: Gerade im Bereich der Schadens- und Unfallversicherung sammelt die Allianz Geld ein, um seltene und hohe Schäden versichern zu können. Durch unerwartet hohe Inflation steigen Schadenssummen stärker als angenommen, was kurzfristig die Marge drücken könnte.
  • Steigende Zinsen führen kurzfristig dazu, dass die bisherigen Anleihen im Wert fallen und damit das Ergebnis aus der Kapitalanlage drücken. Der mittel- und langfristig positive Effekt sollte aber überwiegen. 

Aktienbewertung & Renditeerwartung

Wir haben uns jetzt ein umfangreiches Bild des Unternehmens verschafft. Schauen wir abschließend auf die Aktie, bringen Qualität und Bewertung zusammen und ziehen ein Fazit.

Berechnen wir dafür die zu erwartende Rendite. Kann ich diese hellsehen? Nein, definitiv nicht. Wir können aber das Chance-Risiko-Verhältnis auf Basis der Analyse abschätzen und in konkrete Zahlen gießen.

Dafür kalkuliere ich drei Szenarien: Ein pessimistisches, ein optimistisches und das Szenario, das ich im Mittel erwarte. Auch Ausreißer nach unten oder oben sind immer möglich.

Für die Ermittlung des fairen Werts (alle Erläuterungen dazu über diesen Link) habe ich im mittleren Szenario folgende Annahmen über einen Zeithorizont von 10 Jahren getroffen:

Umsatzwachstum

Das Umsatzwachstum nähert sich in der Berechnung vom kurzfristigen schrittweise an das langfristige Wachstum über 10 Jahre an.

  • Umsatzwachstum zuletzt: 3% p.a.
  • Prognose der Allianz: 3 - 4% p.a. bis 2024
  • Analystenerwartung: 2% p.a.
  • Meine kurzfristige Annahme: 3% p.a.
  • Meine langfristige Annahme: 3% p.a.

Nettomarge

Heute: 5,8%, in den letzten 5 Jahren 6 - 7%. Ich nehme kurz- und langfristig konstante 6% an. Die Allianz selbst möchte die Marge bis 2024 leicht steigern.

Bewertungsniveau

Heute ist die Aktie mit einem KGV von 12 bewertet, das KGVe liegt bei 8,5. Historisch lag die Allianz meist auf einem unterdurchschnittlichen KGV von 10 - 13. Ich gehe langfristig daher von einem 12er KGV aus.

Sonstiges

Als Ausschüttungsquote nehme ich 60% an.

Meine Renditeerwartung

Renditerechner-Tool

Berechnung der Renditen in drei Szenarien. Zahlen in Heimatwährung. Aktienticker: ALV.

Status Quo » Die Zahlen heute

Möglichst der letzten 12 Monate, also TTM (Trailing Twelve Months), um die aktuellsten Daten zu nutzen.
Anteil am Gewinn, der als Dividende ausgeschüttet, per Aktienrückkauf oder per Schuldentilgung an Aktionäre zurückgeführt wird. Bei Wachstumsunternehmen oft 0%.

Zukunft » Annahmen zur Wertentwicklung

Die kurzfristigen Werte nähern sich über einen 10-Jahres-Horizont an die langfristigen an.

Wachstum (kurzfristig, in %) Wie stark ist das Umsatzwachstum im nächsten Jahr?
Wachstum (langfristig, in %) Wie hoch wird das Umsatzwachstum in 10 Jahren erwartet?
Nettomarge (kurzfristig, in %) Wie hoch ist der Nettogewinn im Verhältnis zum Umsatz heute?
Nettomarge (langfristig, in %)
KGV (langfristig)
Umsatz
Marktkapitalisierung
Wertsteigerung
Shareholder Yield
Gesamtrendite
Fairer Aktienkurs
Margin of Safety

Keine Garantie für die Zukunft.

Fortgeschrittene Optionen einblenden +

Allianz selbst möchte den Gewinn pro Aktie kurzfristig um 5 - 7% steigern. Die Dividendenrendite liegt bei ~5%. Sollten die Allianz die eigenen Ziele erreichen und die Bewertung konstant bleiben, wäre eine Gesamtrendite von 10 - 12% demnach realistisch.

Die Scorecard

StrategyInvest Scorecard

Je Kategorie bis zu 25 Punkte. Insgesamt 20+ Kriterien.

12
Qualität

15
Geschäftsmodell

4
Wachstum

18
Bewertung

49

Gesamtscore

Mittel 😐

Pro, Contra & Fazit: Aktie jetzt kaufen?

Pro

  • Zeitloses Geschäftsmodell und nützliches Produkt
  • Bekannte Marke, planbare Umsätze und Skaleneffekte (wenn auch unklar, wie stark diese wirklich sind)
  • Finanziell sehr solide aufgestellt
  • Mittelfristig Profiteur von Zinswende (anders als ein Großteil der anderen Aktien)
  • Möglicher Profiteur von unsicheren Zeiten

Contra

  • Konzern befindet sich noch in einer mühseligen und teuren Transformation
  • Zuletzt haben eine zu schlechte interne Kontrolle zu hohen Strafzahlungen und Reputationsschaden geführt
  • Kurzfristig leichte Inflations- und Zinsanstiegsrisiken

Checkliste

In jedem Fall gilt: Beachte die folgenden Punkte, bevor du diese oder eine andere Aktie kaufen solltest.

Checkliste vorm Aktienkauf (auf- und zuklappen)

Es kann viele Gründe, eine Aktie spannend zu finden und kaufen zu wollen. Vor dem Kauf gibt es eine Handvoll Fragen, die du dir stellen solltest, um Enttäuschungen und Anfängerfehler zu vermeiden:

  1. Verstehst du das Geschäftsmodell?
  2. Hast du dich mit den Risiken des Unternehmens beschäftigt?
  3. Hast du dich mit den Risiken der Aktie beschäftigt?
  4. Passt die Aktie in dein Depot? (hinsichtlich Klumpenrisiken)
  5. Verstehst du, dass es beim Investieren nie um Garantien, sondern Wahrscheinlichkeiten geht - so auch bei dieser Analyse und jedem Aktienkauf?

Ausführliches Hintergrundwissen bekommst du in der Know-How Sektion und der Academy.

Mein Fazit

Die Allianz-Aktie ist keine aufregende Aktie, mit der wir eine Verzehnfachung, geschweige denn eine Verdreifachung, in kurzer Zeit sehen werden. Ich finde die Aktie trotzdem spannend:

Sie ist etwas günstiger bewertet, trotz negativer Sondereffekte deutlich profitabel. Die Allianz hat zwar interne Schwierigkeiten, die Kosten dadurch sind aber schon eingepreist - eine tatsächliche Verbesserung sollte also eine Chance sein. Dazu kommen Chancen aus der Zinswende, die für mich etwas Wachstums-, aber auch Margenpotenzial bieten. Auf Depotebene wäre es damit eine der wenigen Aktien, die bei unerwarteten Zinsanstiegen nicht so stark fallen sollte.

Ich überlege daher tatsächlich, eine kleine Allianz-Position aufzubauen.

Tags: Allianz | Aktien: Allianz

Die Inhalte stellen keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar, sondern spiegeln nur meine persönliche Meinung wider. Jede Investition ist mit Risiken verbunden. Vor jeder Investition solltest du selbst Chancen und Risiken prüfen.

Für deinen Wissensaufbau: Alle Know How Beiträge | Videokurs | Anlagestrategie in 20 Punkten

Ich bin Jannes, Jahrgang 1993 und Gründer von StrategyInvest. Seit 2011 investiere ich an der Börse. Damals habe ich mein VWL-Studium mit Finanzschwerpunkt erfolgreich absolviert und bin nun seit mehreren Jahren in der Digital- und Techbranche aktiv, aktuell als Product & Strategy Lead. Ich kenne daher Investieren, Technologie und Unternehmertum aus wissenschaftlicher Sicht, aber auch aus der Praxis. Die Erkenntnisse daraus teile ich hier.

Ähnliche und verwandte Beiträge:
Neueste Beiträge:
Teradyne Aktienanalyse: Hochprofitabler und unbekannter Halbleiter-Tester
Waste Management Aktienanalyse: Stabile Erträge durch Recycling & Chance durch Nachhaltigkeit
Spotify Aktie: Niedrigster Kurs seit IPO trotz Wachstum – eine Chance?
Künstliche Intelligenz: Wer profitiert vom neuen Megatrend?
Walt Disney Aktienanalyse: Absturz trotz starker Marken & Streaming-Erfolg – kann der alte CEO es richten?
Tesla Update: Wie konnten über 800 Mrd. Dollar Börsenwert vernichtet werden?
Berentzen Aktienanalyse: Kleiner, deutscher Getränkekonzern mit Tradition und Potenzial
Bayer Aktienanalyse: Wann geht’s nach der Monsanto-Übernahme wieder bergauf?
Salesforce Update: Drei CEOs müssen gehen, Wachstum lahmt, Gewinne fehlen – wie geht’s weiter?
Novo Nordisk Aktienanalyse: Allzeithoch, Chancen & Patent-Risiken für den Diabetes-Marktführer
Danaher Aktienanalyse: Ist der 200 Mrd. schwere Renditekönig das Mini-Berkshire-Hathaway?
IBM Update: Warum der langweiligste Tech-Konzern gerade alle anderen hinter sich lässt

Auszug aus dem Manifest:

Regel #16: Wir kennen unsere Schwächen.

Die Verhaltensökonomen wissen, wie irrational wir uns oft in unseren Finanzen und in unserer Wahrnehmung verhalten. Das Schlimmste: Die meisten "kognitiven Verzerrungen", wie Wissenschaftler sie nennen, merken wir nicht mal. Wir nutzen das Wissen der Anlegerpsychologie, beobachten und reflektieren uns selbst, um uns vor Fehlern zu bewahren.

zum kompletten StrategyInvest Manifest »

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}